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Liebeserklärung an die Musik

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Das Sinfonische Blasorchester der Stadtkapelle Traunreut, mit seinem Leiter und Gründer Stephan Schilcher und Solist Thomas Hartmann, wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. (Foto: Benekam)

Zehn Jahre miteinander musizieren, und zwar im großen Stil – mit Pauken und Trompeten, mit Herz und Verstand, mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen: Freude machen. Sich und anderen. »Zum 10-jährigen Jubiläum«, so findet der Leiter und Gründer des Sinfonischen Blasorchesters der Stadtkapelle Traunreut, Stephan Schilcher, »braucht’s ein feuriges Galakonzert«.


Natürlich mit einem Solisten von Format, wie sich’s gehört, und einem dem Anlass gebührenden Programm, voller »Jubelstücke«. Ein solches diente zur würdigen Begrüßung der Konzertbesucher im ausverkauften k1-Saal in Traunreut: »Jubilee Ouverture« von Philip Sparke. Beim Erklingen dieses Stückes, mit geballter Ladung musikalischer Präsenz, gepaart mit kraftvoller Klangfülle, fühlte sich sogleich ein jeder Zuhörer ganz persönlich angesprochen.

Schilcher und sein Orchester boten aber nicht nur akustische Attraktionen. Die große Bühne war voller junger Musiker mit Instrumenten. Viel Blech, welches sich im Licht der Scheinwerfer spiegelte. Glanz auch in den Augen der Musiker, man weiß, was man kann und verlieh sich optisch durch das Tragen roter Socken (die Herren) und einer roten Rose im Haar (die Damen) einen Hauch Exotik. Schilcher gab den Zuhörern Einblick in die Erfolgsgeschichte des Orchesters und brachte das Publikum mit witzigen Anekdoten aus dem Proben- und Konzertalltag zum Lachen.

Ein echtes Glanzstück für Blasorchester ist die »Alpina Saga«, in der mit allen Klangfinessen virtuoser Instrumentalisten der Weg durch eine malerische Bergwelt, hinauf zum Gipfel musikalisch illustriert wird. Imposante Bläserklänge intonierten den mühevollen Aufstieg, fantastische Ausblicke und das euphorische Gipfelgefühl. Die Dämmerung wurde effektvoll mit Rotlicht untermalt, wobei das Orchester zum ersten Mal mit chorischem Einsatz für Aufhorchen sorgte – eine farbenfrohe Klangreise.

Das galt auch für die bekannte Komposition »El Camino Real« (»Der Königsweg«), von Alfred Reed, welche vom Orchester, ob ihres hohen spieltechnischen Schwierigkeitsgrades volle Konzentration verlangte und zugleich Parameter für das hohe Niveau eines jeden Orchesters ist. Rasante Akkordfolgen mit feurigen lateinamerikanischen Flamenco-Elementen, in brillanter Umsetzung, assoziierten einen wilden Ritt durch eine Wüstenlandschaft. Schilcher war längst zu Hochform aufgelaufen, in seinem Dirigat voll im Thema: Er dirigierte mit dem ganzen Körper, unterlegte die Stimmungen der Komposition mit passender Mimik, lächelte, spottete, schmeichelte, animierte seine Musiker und nahm im Verlauf sogar das Gebaren eines Stierkämpfers an.

Nach dieser fast sportlichen Leistung kam eine Pause gerade recht, um mit gleichbleibend hoher Energie in den zweiten Konzertteil zu starten, der mit »Where Eagles soar« von Steven Reineke eröffnet wurde. Mit George Gershwins »Rhapsody in Blue« steuerte das Galakonzert, mit Thomas Hartmann als Solist am Flügel, auf seinen Höhepunkt zu. Wie Schilcher erklärend vorausschickte, habe er in Hartmann einen Pianisten gefunden, der sowohl im Jazz und im Blues, als auch in der Klassik bestehen kann und zudem auch noch »Teamplayer« sei.

Nun wurde die Luft im Saal dünn. Nicht etwa, weil die zahlreichen Blasmusiker sie verbraucht hätten, sondern eher, weil einem bei der folgenden virtuosen Höchstleistung schlicht der Atem stockte: Ein sich gegenseitiges bereicherndes Klangfeuerwerk, ein beeindruckend mitreißendes »Notenduell«, in dem es nur Gewinner gab. Dabei hatte man den Eindruck, dass Hartmann in puncto Spaßfaktor, um Haaresbreite von Schilcher gefolgt, dem Orchester einen Tick voraus war – sagenhaft.

Wer nun glaubte, dass kaum noch Steigerung möglich war, der irrte. »Hebe deine Augen auf«, das Engelsterzett, ursprünglich von Felix Mendelssohn-Bartholdy komponiert, erklang im Arrangement für Blasorchester grandios. Als sich aber das Orchester erhob, seine Instrumente zur Seite legte und stattdessen die Stimmen erhob, herrschte einmal mehr andächtiges Staunen im Saal. Blasorchester mit Singtalent, könnte man sagen. John Miles' Liebeserklärung an die Musik, »Music«, in Bearbeitung für Blasorchester, gab den Konzertbesuchern den Rest und stand am Ende wie ein Titel über dem Galakonzert.

Nun gab es kein Halten mehr. Nach der zweiten Zugabe und nicht enden wollendem Applaus stand der gesamte k1-Saal. Die stehenden Ovationen wurden mit einer Art »Dudelsack-Überraschung« in original schottischer Tracht belohnt. Kirsten Benekam