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Liebe Worte in einer besonderen Zeit

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Traunstein – Es ist heute ein fast vergessenes Gefühl, wenn im Briefkasten nicht nur Rechnungen sind, sondern ein handgeschriebener Brief oder eine Postkarte. Und doch sind sie so viel mehr als ein bloßes Stück Papier. Man kann sie immer wieder anfassen, daran riechen, und so oft Lesen, bis die Tinte vergilbt ist. Sicher, in Zeiten von E-Mail, Whatsapp und Co. ist das Briefeschreiben aus der Mode gekommen, doch gerade in diesen sonderbaren Zeiten, lohnt es sich, auf Bewährtes zurückzugreifen, um jemanden eine Freude zu machen.


Aus dieser Motivation heraus hatte Florian Seestaller von der Bürgerhilfsstelle am Landratsamt die Idee, das Projekt Brieffreundschaften zu initiieren. Die Idee dahinter: Senioren aus dem Landkreis, die auch in Altenheimen oder Pflegeeinrichtungen leben, können sich mit Interessierten Briefe schreiben. »Ich bin überrascht, wie groß der Erfolg des Projekts ist«, sagt Seestaller im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Bereits nach dem ersten Aufruf hatten sich mehr als 80 Interessenten bei ihm gemeldet.

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Darunter ist auch Maria Linner aus Kienberg. Die 31-jährige Lehrerin unterrichtet an der Grundschule Nord in Traunreut eine erste Klasse, die sie ebenfalls für das Projekt begeistern wollte. Das Schreiben von Briefen oder Postkarten ist für Linner nichts ungewöhnliches. »Ich reise sehr gerne und meine Oma, die ebenfalls in einem Seniorenheim lebt, macht sich immer Gedanken, wenn ich unterwegs bin, weshalb ich angefangen hatte, ihr Postkarten von meinen Reisen schreiben«, sagt Linner. Die 31-Jährige liebt die Vorfreude auf Briefe, auch wenn das Warten in der heutigen Zeit etwas Ungewohntes ist.

Auf Post von Maria Linner darf sich künftig Liselotte Egginger freuen. Die 90-Jährige lebt erst seit März im Kreisaltenheim in Trostberg. »Als ich gefragt wurde, ob ich Briefe bekommen will, hab ich sofort ja gesagt«, sagt Egginger und muss lachen. »Ich hab ehrlich gesagt gar nicht groß drüber nachgedacht, was das bedeutet.« Denn für die 90-Jährige ist es nicht ohne weiteres möglich, die Brieffreundschaft mit Maria Linner zu pflegen. »Die Buchstaben tanzen vor meinen Augen, ich sehe sehr schlecht«, bedauert Egginger. Daher benötige sie die Hilfe des Sozialdienstes im Kreisaltenheim. »Ich hab schon gesagt, ihr könnt jetzt eine Sekretärin für mich einstellen«, scherzt sie.

Wie sich die Brieffreundschaft im Einzelnen ausgestaltet, darauf hat Florian Seestaller von der Bürgerhilfsstelle natürlich keinen Einfluss. »Wir haben Interessierte allerdings darauf vorbereitet, dass es auch eine Einbahnstraße sein kann, man also möglicherweise keine Antwort erhält.« Außerdem wurde seitens der Bürgerhilfsstelle darauf geachtet, dass die potenziellen Brieffreunde einen guten Leumund haben. »Wer dranbleiben wollte, der braucht ein aktuelles, polizeiliches Führungszeugnis«, betont Seestaller. So wolle man vermeiden, dass jemand das Vertrauen der Senioren ausnutzt.

Diese Hürde hat Maria Linner nicht abgeschreckt, ganz im Gegenteil. Die 31-Jährige wisse ja von ihrer Oma, wie sehr sie sich über Postkarten und Briefe freut. Daher beteiligt sich die Grundschullehrerin auch mit ihren Erstklässlern an dem Projekt. »Wir schreiben an die gerontopsychiatrische Wohngruppe für Demenzerkrankte im Trostberger Kreisaltenheim« – ein Beispiel für eine Einbahnstraßen-Brieffreundschaft. »Wir bekommen keine Antwort, das hat man uns gesagt, den Kindern macht das aber nichts.« Vor Weihnachten – solange die Grundschüler noch Präsenzunterricht hatten, hat man gemeinsam an dem Brief gefeilt und auch für die Senioren gebastelt. Linner selbst würde sich eine Rückmeldung seitens des Heims wünschen, wie die Briefe der Kinder angenommen werden. »Wir wollen das Projekt aber auf alle Fälle fortführen, damit die Schüler am Ende des Schuljahres vielleicht den ersten Brief selbst schreiben können.«

Da Linner weiß, wie schön es ist, Post zu bekommen, hat sie Lieselotte Egginger einen langen Brief geschrieben. »Ich habe ihr von mir erzählt, auch von meinen Interessen und natürlich viele Fragen gestellt.« Zurück kam zunächst eine Postkarte mit Weihnachtsgrüßen, darüber hat sich Linner sehr gefreut – und natürlich über die Ankündigung ihrer neuen Brieffreundin, dass bald ein ausführlicher Brief folgt.

Viel zu erzählen hat Liselotte Egginger nämlich. Die Seniorin ist mit ihrem Mann, dem Mitgründer der Mineralien- und Fossilienfreunde Traunstein, viel gereist. »Wir haben die Länder am Mittelmeer bereist, Südafrika und sind nach Brasilien zum Mineraliensammeln gefahren«, sagt Liselotte Egginger im Gespräch mit unserer Zeitung. Mit ihren Erlebnissen könnte die Seniorin Romane schreiben. Denn für das Schreiben an sich kann sich die 90-Jährige begeistern. »Ich habe sogar ein Buch veröffentlicht«, erzählt die Seniorin stolz. Zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte lägen noch bei ihr.

Das Briefeschreiben hingegen war früher nicht so ihr Ding, gesteht die 90-Jährige. Sie habe immer lieber telefoniert. »Da bekommt man schneller eine Antwort.« Aber jetzt im Alter habe man Zeit. »Wir werden sehen, wohin uns das Briefeschreiben führt.« 

 

Wer Interesse an Projekt »Brieffreundschaft« hat, kann sich bei Florian Seestaller informieren unter Telefonnummer 0861/58-235 oder per Mail unter: Florian.Seestaller(at)traunstein.bayern

vew