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Liebe, Schmerz und anderes Leid

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Bettina Mittendorfer zog die Besucher im voll besetzten Hofbräuhaus-Saal mit ihrer Präsenz in ihren Bann. (Foto: M. Heel)

Sein Aufruf an die Nazis, sie sollten doch auch seine Bücher verbrennen, machte ihn im Mai 1933 weltweit bekannt. Die Rede ist, natürlich, von Oskar Maria Graf (1894 - 1967), dem Verfasser von »Das bayerische Dekameron« und vielen weiteren Erzählbänden sowie von Romanen wie »Der harte Handel« oder »Die Ehe des Herrn Bolwieser«, in denen er das bayerische Dorfmilieu in realistischer, deftiger Sprache ohne jede Schönfärberei wiedergab.


Ein Schriftsteller also, wie geschaffen für die Schauspielerin Bettina Mittendorfer, die jetzt im historischen Saal des Hofbräuhauses Traunstein unter dem Titel »Weibsbilder und andere Geschichten über die Weiblichkeit!« eine szenische Lesung aus Werken Grafs präsentierte. Gestaltet mit viel Präsenz, sprachlicher Gewandtheit und dramaturgischer Raffinesse gelang es ihr dabei auf Anhieb, die gut 150 Besucher im voll besetzten Saal in die Welt der Bauern, Handwerker und kleinen Beamten zu entführen, die Grafs Werk bevölkern.

Urtümlich, direkt und doch sehr einfühlsam verwandelte die Schauspielerin die Texte Grafs in dicht atmosphärische Hörspiele, mit zugespitzten Dialogen und überaus lebendigen Beschreibungen des Geschehens. Den Rahmen dabei bildeten Grafs von tiefer Ehrfurcht und Liebe geprägten Erinnerungen an seine Mutter, deren Leben Arbeiten bis zum Umfallen hieß und die für ihre täglichen Gebete einen recht ungewöhnlichen Ort zu wählen pflegte.

Sehr anrührend zu verfolgen war auch die Familiengeschichte »Mei Basl Marei, selig«, und wie eine unpolitische (Ehe)Frau in den wirren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg unversehens als »Revolutionshure« angeprangert und schließlich in den Wahnsinn getrieben wird, führte Bettina Mittendorfer in ihrer Darbietung der »Ursula Peschl« so eindringlich vor, dass einem fast die Tränen kamen. Und stark war auch die szenische Umsetzung der Liebesgeschichte »Ein alltägliches Wunder«, das von einer Bauersfrau handelt, die ihrem Gatten beim Rasieren versehentlich in die Kehle schneidet und dadurch allerhand Unheil heraufbeschwört.

Nach der Pause stand dann leichtere Kost auf dem Programm, hauptsächlich dem »Bayerischen Dekameron« entnommen. Überaus amüsante und früher wohl als »unzüchtig« bezeichnete Erzählungen wie etwa die Geschichte »Das Ausprobieren (oder die Katze kauft man nicht im Sack)«, »Die Liebe höret nimmer auf« oder »Der Theodor-Verein«, der dem Zweck dient, gemeinschaftlich die Alimente für das Kind einer leichtlebigen Bedienung aufzubringen, dessen Vater nicht feststeht.

Begleitet wurde Bettina Mittendorfer bei ihrem Auftritt von Florian Burgmayr am Akkordeon, der mit knappen, einfühlsamen Einspielungen zusätzlich für Atmosphäre sorgte. Wolfgang Schweiger