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Lebensreise zu den Wurzeln der eigenen Existenz

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Mit Ausstellungen in drei Städten wollte der Künstler Peter Riek anlässlich seines 60. Geburtstags einen Einblick in sein Lebenswerk geben. Die Ausstellung in der Traunsteiner Klosterkirche musste wegen Corona kurz nach der Eröffnung geschlossen werden. Anhand von Ausstellungskatalogen können sich Kunstfreunde zumindest einen alternativen Ausstellungsbesuch begeben. (Foto: Effner)

Über Kunst und Kultur in Zeiten von Corona zu schreiben, entfaltet eine besondere Dynamik – falls es aktuell überhaupt etwas zu schreiben gibt angesichts hunderter ausgefallener und geschlossener Veranstaltungen. Dazu zählt auch die aktuelle Ausstellung »Territory« des vielfach ausgezeichneten Künstlers Peter Riek in der Traunsteiner Klosterkirche. Veranstalter sind die Städtische Galerie und die Kunstfördervereinigung ARTS.


Interessierte können sich ersatzweise über vier Kataloge informieren, die über die Städtische Galerie zu beziehen sind (siehe Kasten). Sie verweisen auch auf die Ausstellungen in Schwäbisch Hall und Heilbronn, die zusammen mit Traunstein Einblick in das Lebenswerk von Riek zu dessen 60. Geburtstag geben sollten.

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Gleich auf mehreren Ebenen entwickelt die Ausstellung in Traunstein vor dem Hintergrund der aktuellen Krise eine besondere Dynamik, um nicht zu sagen Dramatik. Das Virus konfrontiert uns mit existenziellen Grundfragen, in dem es mit einer radikalen Veränderung des Alltags vermeintliche Sicherheiten und Zukunftsplanungen in Frage stellt.

Peter Rieks Ausstellung in der Klosterkirche wollte den Besucher einladen zu einer Entdeckungsreise menschlicher Existenzformen. Er selbst hat sich immer wieder auf lange Wegstrecken und Reisen gemacht. Von seinem Heimatort Heilbronn aus wanderte er nach Colmar zum Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Von Lindau aus ging es zu Fuß nach Mantua oder er fuhr mit dem Fahrrad von Heilbronn nach Berlin. New York, Prag, Exeter, Venedig, Davos, Barbizon, Paris oder der Tränenpalast im portugiesischen Sintra waren Stationen seiner künstlerischen Tätigkeit.

Die Reise begreift Riek als Sinnbild der Lebensreise zugleich in ihrer existenziellen Ausgesetztheit wie auch als schöpferischen Akt der Kunst. Charakteristisch für ihn sind die Zeichnungen mit Kreide, die dabei spontan auf Straßen, Felsen und anderen Untergründen entstehen. Sie sind seismografische wie auch vergängliche Dokumente des Unterwegsseins, des momentanen Aus-drucks und der persönlichen Selbstvergewisserung. Fotografiert und auf Bütten, Leinwand, Stoff, Holz oder Metall gedruckt oder zu ganzen Bildarrangements gebündelt, werden die Straßenzeichnungen zum prägenden Ausdruck von Rieks Persönlichkeit und Kunst.

Der besondere Blickfang in der Traunsteiner Klosterkirche ist ein riesiger schwarzer Teppich aus Kunstrasen. Die Löcher mit schwarzen Punkten lassen Schädelformen erkennen. Mit dieser verbrannten »Schädelstätte« schuf Riek letztes Jahr im Rahmen der Bundesgartenschau vor dem Rathaus von Heilbronn ein eindringliches Memorial. Es erinnert an die Auslöschung der mittelalterlichen Stadt im Bombenhagel von 1944. In Traunstein wird daraus ein Sinnbild für die Sinnlosigkeit des Kriegs. Ein schmaler verwinkelter Pfad aus Holzbrettern führt über dieses Territorium. Beim Beschreiten begegnet der Besucher einem schwebend aufgehängten überdimensionierten »Sternenkleid«, das im Rahmen eines Musikprojekts entstanden ist.

Weitere Territorien tauchen auf dem Rundweg auf: das Foto einer sturmgebeutelten Bruchbude aus Holz mit stolz gehisster Fahne. Kann dieser Bretterverhau überhaupt Zuflucht bieten? Die Bodeninstallation eines stark ramponierten Kronleuchters mit wenigen intakten Lichtern, umringt von Zeichnungen, gemahnt an einen Bettler (»Bitte«).

Bei einem weißen Zelt, von dessen Giebel sich schlingpflanzengleich eine Lichterkette auf den Boden erstreckt, reizen Aufdrucke auf beiden Zeltseiten zum Wortspiel mit den Initialien PR als »Private Republik« und »Public Relations«. Gedanken an private Filterblasen, Werbeversprechen und virtuelle Welten werden wach. Axel Effner