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Angst vor Angriffen

Lars Eidinger: «Ich bin kein Satanist»

Brandanschläge, Drohungen und Beschimpfungen: Der Film «Matilda» ist in Russland noch nicht einmal angelaufen und ist schon fast eine Staatsaffäre. Lars Eidinger, der die Hauptrolle spielt, zieht daraus eine erste Konsequenz.

Lars Eidinger: «Ich bin kein Satanist»
Der Schauspieler Lars Eidinger fürchtet Angriffe vor russischer «Matilda»-Premiere. Foto: Daniel Bockwoldt Foto: dpanitf3

Hamburg/Moskau (dpa) - Schon Wochen vor der Premiere laufen Monarchisten und Orthodoxe in Russland Sturm gegen den umstrittenen Film «Matilda» über den heiliggesprochenen Zar Nikolaus II.

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Auch der Schauspieler Lars Eidinger bekommt heftige Kritik zu spüren - und wird in Russland wüst beschimpft. Doch es gibt ganz andere Dinge, die ihm Sorgen bereiten, sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Werden Sie zur Premiere nach Moskau kommen?

Antwort: Nein. Ich habe Angst, dass mir jemand weh tut oder ich angegriffen werde. Es gibt schon Angriffe auf Regisseur Alexej Utschitel, jemand hat einen Molotowcocktail in sein Büro geworfen. Offensichtlich gibt es Leute, die in Kauf nehmen, dass jemand verletzt wird. Ich bin durch diese Vorfälle alarmiert und habe Angst, mich dem auszusetzen.

Frage: Wie gehen Sie mit der Kritik an dem Film um?

Antwort: Ich war natürlich sehr überrascht, damit haben wir nicht gerechnet. Wir wollten in erster Linie einen Film machen, um Nikolaus II. und der Figur gerecht zu werden und nicht, um ihn vorzuführen oder ihn bloßzustellen. Wir wollten auch niemanden provozieren oder verletzen. Ganz im Gegenteil. Wir haben die Geschichte mit allem Respekt behandelt, um ihr gerecht zu werden. Wir haben ihn als menschliches Wesen beschrieben, mit all seiner Fehlbarkeit. Das macht einen Menschen erst liebenswert und zu einem Menschen. Man kommt natürlich in einen Konflikt, wenn man mit Leuten darüber diskutieren will, für die er ein Heiliger ist.

Frage: Haben Sie auch persönlich Drohungen bekommen?

Antwort: Nein. Mir wird aber in Russland unterstellt, dass ich ein schwuler Pornodarsteller und ein Satanist bin. In Deutschland lacht man darüber. Aber in Russland nimmt man das sehr ernst. Diese Vorwürfe sind trotzdem komplett haltlos: Jeder weiß, dass ich keine Pornofilme mache und heterosexuell bin. Mir ist aber wichtig zu sagen, dass ich weder etwas gegen Homosexuelle noch Vorbehalte gegen die Pornoindustrie habe.

Frage: Ärgern Sie diese Bezeichnungen?

Antwort: Ich fühle mich nicht wirklich dadurch angegriffen, weil ich ja auch kein Satanist bin. Das ist ja haltlos. Aber ich bin dadurch zur Zielscheibe des Hasses geworden. Und ich muss um meine Gesundheit bangen. Ich habe ja auch Familie. Ich will mich einfach nicht diesem Risiko aussetzen. Aber: Ich fühle mich nicht entlarvt, da es nicht der Wahrheit entspricht. Ich wurde auch von jemandem betrogen, der mich im Namen von (Regisseur) Kirill Serebrennikow anrief und um Hilfe bat. Das wurde gemacht, um meiner Reputation zu schaden. Das habe ich als eine ganz klare Attacke gegen meine Person empfunden, in der man mich auch in eine politische Position bringen wollte. Das ist sehr schmerzhaft, weil die Leute meine Empathie und meine Gefühle missbraucht haben.

Frage: Die Liebesbeziehung zwischen dem Zaren und einer Tänzerin ist schon sehr lange bekannt. Woher kommt der Hass gegen den Film?

Antwort: Darauf habe ich keine Antwort. Für mich ist dieser Hass völlig unverhältnismäßig und irrational. Das erschreckt mich am meisten. Diese Leute haben den Film ja noch nicht einmal gesehen. Generell geht es darum, dass man einem Heiligen keine Affäre zu einer Balletttänzerin zugesteht. Auch wenn das historisch belegt ist. Es gibt in diesem Film keine provokanten Szenen. Es gibt eine Liebesszene, man sieht aber nichts Explizites. Es wurde sehr respektvoll mit dem Thema umgegangen.

Frage: Würde Sie die Rolle noch mal annehmen?

Antwort: Ich bin sehr froh um die Erfahrung. Ich würde das auch nicht rückgängig machen wollen. Ich bin sehr stolz auf den Film. Ich halte es für ein großes Kunstwerk. Deswegen würde ich auch immer wieder mit Alexej Utschitel zusammenarbeiten wollen. Ich stehe zu 100 Prozent zu dem Film. Ich bin mir keiner Schandtat bewusst.

Frage: Gibt es eine Rolle, die Ihnen so heilig ist, dass Sie diese nie spielen würden?

Antwort: In dem Moment, in dem man jemanden heilig spricht, stellt man ihn auf ein Podest und kann sich nicht mehr mit ihm identifizieren. Sondern nur noch heroisieren. So denke ich eben nicht. Ich nehme den Zaren als Mensch wahr. Was einen Menschen ausmacht, ist auch seine Fehlbarkeit. Das zu zeigen, war mir wichtig. Es gibt für mich keine Rolle, die für mich so heilig ist, dass ich sie nicht spielen kann. Das liegt aber auch an meinem religiösen Verständnis.

Frage: Könnte sich die Meinung der Kritiker ändern, wenn sie den Film sehen?

Antwort: Davon gehe ich aus. Wenn ich zu einem Satan stilisiert werde und ich nun den Heiligen Nikolaus II. verkörpere, wäre das in etwa so, als ob der Teufel persönlich Jesus Christus spielt. Aber wenn die Zuschauer auf so etwas spekulieren, werden sie mit Sicherheit enttäuscht sein. Der Film setzt sich mit einem ganz anderen Thema auseinander. Nämlich mit der Zerrissenheit Nikolaus II., sich zwischen zwei Lebensentwürfen entscheiden zu müssen. Einerseits Leidenschaft, Freiheit und Anarchie, andererseits die Liebe zum Vaterland sowie Ordnung und Konvention. Das ist ein Konflikt, den jeder nachvollziehen kann.