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Kunst als Brücke über Tausende von Kilometern

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Unsere Abbildung zeigt das Werk »Sie war keine Elizabeth die Zweite« von Jub Mönster, dessen Basis ein bestehendes Ölgemälde ist.

»Sie fungieren hier über die Gegensätze hinweg mit Ihrer Kunst als 'lebendig anregende Brücke über Tausende von Kilometern'«, zitierte Berchtesgadens Landrats-Stellvertreter Rudolf Schaupp aus dem Vorwort des Oldenburger Stadtmuseums-Direktor Friedrich Scheele. Anlass dieser Worte war die Eröffnung der Ausstellung »Der Norden im Süden«. Bis 18. August stellen sechs Oldenburger Künstler im Schloss Adelsheim, dem Berchtesgadener Heimatmuseum, aus. Sie erwidern damit das Gastspiel von Malern und Bildhauern aus Berchtesgaden unter dem Motto »Der Süden im Norden« im Frühjahr im Stadtmuseum Oldenburg.


Die Idee entwickelte Initiator Peter Reimers im Herbst 2010 mit dem – mittlerweile verstorbenen – Berchtesgadener Künstler Martin Rasp. Bausteine dieses außergewöhnlichen Projekts sind neben den beiden Ausstellungen die Künstler-Begegnung und die gegenseitige touristische Bewerbung der beiden Regionen, die laut Reimers bisher nicht so gelang wie gewünscht.

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Eine Brücke aus dem neu von ihr entdeckten Kunst-Material Salz schlug Bärbel Hische unter dem Titel »Schattenweiß« mit einer Installation. 1,4 Tonnen Salz, das das Salzbergwerk Berchtesgaden zur Verfügung stellte, türmte sie unter altem Gewölbe auf dem Boden und einem Holztisch auf. »Ich arbeite immer für den Ort, wo ich bin«, erläutert sie ihre Vorgehensweise. Bereits vor einem Jahr begutachtete sie den Raum und »verliebte« sich in Berchtesgaden. Beim zweieinhalbtägigen Aufbau im Kleinen Gewölbe genoss sie die Reaktionen der Museums-Besucher.

Eineinhalb Tage dauerte es allein, das Salz mit einem langen Brett in die gewünschte Form zu bringen. Die wellenförmige Struktur erinnert an ein Meer. Reizvoll ist das Spiel von Licht und Schatten auf dem »weißen Gold«. In zwei Videos kann der Betrachter sehen, wo der Großteil dieses kostbaren Naturguts landet – als Streusalz auf der Straße – und eine Reise in eine alte Saline in Göttingen erleben. Dort wird, europaweit einzigartig, die flockenförmige, von Gourmets geschätzte »Blume des Salzes« geschöpft. In einer begleitenden Fotoserie hielt Hische Köche fest, die »eine Prise Salz« streuen. »Wer nicht kocht, weiß heute gar nicht mehr, was das ist«, stellt sie fest.

Der Großteil der Exponate findet sich im Nebengebäude des Schlosses. Der Frauenakt und die Figur der »Ikara«, das weibliche Gegenbild zum zur Sonne fliegenden Ikarus in der griechischen Mythologie, dominieren in den großformatigen, farbintensiven, dynamischen Arbeiten von Thea Koch-Giebel, die existenzielle Fragen aufwerfen.

Fotorealistisch malte hingegen Jub Mönster 60er-Jahre-Touristen auf alte, zur Berchtesgadener Kulisse passende Landschaftsgemälde, die niemand mehr haben wollte. Er sei im Grunde ein »Recycling-Künstler« und hole »zu kurz gekommene Kollegen ans Tageslicht«, erklärt er. Frech verfremdet er die Ölbilder, wählt skurrile Titel wie »Sie war einfach kein Typ für Urlaub« und erzählt, wie Sabine Isensee, einführend feststellte, »atmosphärische Geschichten«. Für die Leiterin des Bereichs »Bildende Kunst« im Stadtmuseum Oldenburg wirken die Figuren »wie eine moderne Adaption von Carl Spitzwegs Protagonisten«. Da bummeln zum Beispiel Touristen »auf der Suche nach 'ner Tracht« an alten oberbayerischen Bauernhäusern vorbei, während auf einem anderen Bild eine Hausfrau zwischen alten Fichten eine bedrohlich hohe Leiter erklimmt und über die endlose Ebene in die Ferne schaut.

In schlaflosen Nächten entwarf Helmut Lindemann im Kopf seine komplexen beweglichen Skulpturen aus Messing und Holz. Sie erinnern an Kandinsky-Gemälde und wecken den Spieltrieb des Kunstbetrachters. In seiner Malerei hat er eine Vorliebe für Vögel und exotische Käfer.

Die statischen, massiven Materialien Bronze und Stein dienen Udo Reimann dazu, von einem gegensätzlichen Element, dem Wasser und der norddeutschen See mit ihren Gezeiten zu erzählen, komprimiert zu abstrahierten Wellen, Strudeln, Wirbeln oder einer Serie von Schiffen und Booten. Isensee sieht hier eine Verwandtschaft zur Berchtesgadener Künstlerin Felicia Däuber, in deren Holzskultpuren das fließender Naturmotiv Wasser vielfältig anklinge. Verblüffende optische Täuschungen zwischen Zwei- und Dreidimensionalität gelingen dem Keramikkünstler Martin McWilliam. Isensee: »Er spielt mit Innen- und Außenansichten, mit Positiv- und Negativformen und mit Durchbrüchen, die dem Betrachter weitere Blickwinkel eröffnen.« Dass McWilliams »Gefäße« plattgedrückt sind, merkt man erst, wenn man um sie herum geht. Eines dieser Objekte tritt in spannenden Dialog mit einer alten Holztruhe, auf der es gleich in der Eingangshalle steht.

Geöffnet ist das Museum in der Schroffenbergallee 6 Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Veronika Mergenthal

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