weather-image
14°
Eine Ausstellung auf der Burg in Tittmoning zeigt bis zum 3. Oktober Werke von Pete Kilkenny und dem Landschaftsmaler Friedrich Voltz

Kuhmaler aus zwei Jahrhunderten im spannenden Dialog

In unserem Leben ist sie allgegenwärtig: als Gegenstand der Forschung und Dichtung, als Werbeträgerin im lila Gewand, als Brotbelag, Glücksbringer oder Spielzeug. Sie wird als heilig verehrt oder für blöd befunden, nur gleichgültig ist sie uns nie. Die Rede ist von der Kuh. Bald 10.000 Jahre lebt der Mensch Seite an Seite mit ihr und doch ist sie ihm immer noch ein Rätsel.

Bedrohlich wirkt der rote »Kommersant Moscow Bull« auf sechs zusammenmontierten Doppelseiten einer russischen Zeitung. (Foto: Effner)

Höchst eindrucksvoll ist nicht zuletzt aus diesem Grund der Besuch einer aktuellen Ausstellung auf der Burg Tittmoning. Zwei Maler aus zwei unterschiedlichen Epochen zeigen in den historischen Gewölben jeweils ihre Sicht der Kuh. Beide sind Meister der Darstellungskunst und sorgen mit dem Aufeinanderprallen von biedermeierlich-romantischer Beschaulichkeit und dem grellen Neo-Expressionismus der Gegenwart für eine spannungsreiche Atmosphäre: Der vor 200 Jahren geborene, hochdekorierte Tier- und Landschaftsmaler Friedrich Voltz trifft im künstlerischen Dialog auf Pete Kilkenny.

Anzeige

Der seit 2006 in Tittmoning ansässige Engländer, der Kunst und Design studiert hat, machte die Kuh vor 17 Jahren zum Lebensthema seiner Kunst. Mal feinsinnig und detailliert, mal explosiv und mit grobem Strich vereinigt Kilkenny Humor, Leichtigkeit und Lebensfreude ebenso wie tiefe Nachdenklichkeit und Zeitkritik in seinen Arbeiten. Spätestens seit seiner Serie von Kuhbildern auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung ist er einem größeren Publikum bekannt. Inzwischen verwandeln seine Werke auf Zeitungen und Zeitschriften aus aller Welt diese in farbkräftige Interpretationen und Dokumente der Zeitgeschichte.

Gemeinsame Ausstellung zum 200. Geburtstag

Ein glücklicher Zufall führte den seit 1987 in Deutschland lebenden Kilkenny mit Walter Erpf zusammen. Dessen Frau, eine Urgroßnichte von Friedrich Voltz, hat mit dem Familiensitz eine umfangreiche Sammlung von Gemälden und Zeichnungen der Künstlerfamilie Voltz übernommen. Als »Kuhmaler« kannte Kilkenny Voltz, den er zu seinen Vorbildern zählt. Flugs entspann sich der Plan einer gemeinsamen Ausstellung zum 200. Geburtstag des seinerzeit berühmtesten Münchner Tier- und Landschaftsmalers. Der schuf zu Lebzeiten neben unzähligen Zeichnungen über 3000 Ölbilder.

Gleich in mehreren Facetten lässt die Ausstellung beide Künstler in einen imaginären Dialog treten. Im Fürstenstock sind in einem Raum die Ateliers von Voltz und Kilkenny mit zahlreichen Details gegenübergestellt. Büste, Staffelei, Zeichnungen und Skizzenblock treffen auf Computer, Postkarten, haufenweise Farbtuben, bemalte Zeitungen und T-Shirts, von denen ein knallbunter Kuhkopf den Betrachter angrinst. Ein zusätzlicher Reiz der Ausstellung besteht darin, auf Entdeckungsreise zu gehen, welche Originale von Voltz Kilkenny zu großformatigen Neuinterpretationen angeregt haben. So wird aus einer Bleistiftzeichnung des »neugierigen Kälbleins« ein expressionistisches Gemälde. Die Virtuosität von Kilkennys Interpretationen wird im direkten Vergleich zweier mächtiger Stierköpfe deutlich, die sich im Prälatenstock direkt gegenüberhängen. Während das barocke Vorbild des »Stiers an der Futterkrippe« (1682) von Philipp Peter Roos – es befand sich im Besitz von Voltz – im Halbdunkel minutiös die äußeren Details des Tieres herausschält, versteht es der Tittmoninger, das innere Wesen des Stiers herauszuarbeiten, dessen Blick den Betrachter packt.

Nicht weniger eindrucksvoll ist in einem winzigen Kabinettraum die Kombination kleinformatiger Kuhbilder von Voltz mit dem überdimensionierten, bedrohlich roten »Kommersant Moscow Bull« auf sechs zusammenmontierten Doppelseiten einer russischen Zeitung.

Die Ausstellung versteht es meisterhaft, in sorgfältig ausgewählten Gouachen, Bleistift- und Federzeichnungen sowie Ölgemälden das große Können und die Themenvielfalt von Friedrich Voltz und dessen Künstlerfamilie herauszuarbeiten. In sich ideal ergänzender Weise wird dem die Vielfalt im Werk von Kilkenny gegenübergestellt. Wie er sich etwa im »gelben Stier« mit seinem Vorbild van Gogh und dessen Meisterwerk des gelben Stuhls von 1888 auseinandersetzt. Den Einfallsreichtum von Künstlern beim Kopieren persifliert der Engländer im Werk »Joining the Gang« von 2013. Eine Ratte mit Malerrolle und Spraydose übertüncht darin als Verweis auf den Graffiti-Star Bansky eine Reihe farbiger Punkte, die als Markenzeichen für den englischen Starkünstler Damien Hirst stehen. Dem fühlt sich Kilkenny in besonderer Weise verbunden.

Erstaunlicher Ideenreichtum

Erstaunlich ist der Ideenreichtum, mit dem der Wahl-Tittmoninger auf internationalen Zeitungstiteln, Gelddruckbögen, Gemälden, Geigenkästen, T-Shirts und überdimensional vergrößerten Geldscheinen das Rind zu einem Menetekel der Moderne werden lässt: als Zeichen für die vom globalen Wirtschaftlichkeitsdiktat ausgebeutete Natur, als Sinnbild für Schönheitskult und »heilige Kühe« aller Art oder für den Tanz ums Goldene Kalb. Ebenso stehen seine Kühe aber auch als Inbegriff für Lebensfreude, Humor und Gelassenheit, für die Hetze und Stress Fremdworte sind.

Die Ausstellung »Alles ist vergänglich, nur der Kuhschwanz, der bleibt länglich« in der Burg Tittmoning ist bis 3. Oktober jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 13 und 17 Uhr geöffnet. In der TV-Reihe »Capriccio« des Bayerischen Fernsehens wird am 19. September ein Beitrag zur Ausstellung gesendet. Axel Effner