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»Kriminelle« Komponisten

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Miss Marple, Rupert Übelherr als besoffener Mönch Albin Hanisch und der Chor »VokalExpress Teisendorf« begeisterten die Zuschauer. (Foto: Mergenthal)

Statt eines Tatort-Krimiabends im Fernsehen erlebten die Besucher des Chorkonzerts »Hände hoch, Herr Brahms!« in Surheim einen packenden Live-Krimi, der sie unter Regie von »Miss Marple« und Stephan Hadulla quer durch die Musikgeschichte führte. Der »VokalExpress« Teisendorf und ein Bläserensemble ließen Werke erklingen, die irgendwie in Zusammenhang mit Gesetzesverstößen standen. Das Publikum war von dem kurzweiligen und mit Verve gestalteten Abend begeistert. Alle, die ihn versäumt haben: Am Freitag, 12. Oktober, wird das Projekt um 19.30 Uhr im Vereinshaus Traunstein nochmal aufgeführt.


Der aus Traunstein stammende Chorleiter Stephan Hadulla ist für seine kreativen, ungewöhnlichen Programme bekannt. Die aktuelle Aufführung beseelt britischer Humor und ein augenzwinkernder Blick auf die menschlich-schwache, ja teils kriminelle Veranlagung so mancher Komponisten.

Den Rahmen bildete die bekannte Miss-Marple-Filmmusik, von Rupert Eder und Jutta Gerl an den Trompeten und Rupert Kamhuber sowie Guido Maier an den Posaunen beschwingt dargeboten. Mit Liebe zum Detail, Witz und Charme schlüpfte Tina Schnell perfekt in die Rolle der »Miss Marple«, die für die stattliche Gästeschar in der neuen Turnhalle aus ihren Krimis las. Rupert Übelherr, ein begnadeter Schauspieler, wechselte wie ein Chamäleon die Rollen. Mal servierte er als galanter »Mr. Stringer« Salzburger Nockerl oder reichte Miss Marple seinen stützenden Arm, mal skandierte er als besoffener Dominikanermönch Albin Hanisch (1490 geboren) Spottverse auf die Kirchenoberen oder meuchelte als liebestoller Tenor Francesco Rasi (1614 in Salzburg bejubelt) den Gutsverwalter, Ehemann seines »Gspusis«.

Dieser Tenor übrigens war 1607 der erste »Orfeo« in Monteverdis gleichnamiger Oper und bildete somit die Brücke zum ersten Chorbeitrag des Abends, »Filli cara e amata« von Claudio Monteverdi, der in tänzerischer Leichtigkeit schwang. Trotz des vielen Klamauks zwischendrin – dazu trugen auch von Hadulla ohne Manuskript eingestreute Anekdoten und Überleitungen bei – bewies der Chor in den vier- bis sechsstimmig gesetzten Werken stets Präsenz, Souveränität, exakte Intonation und Leidenschaft.

Selbst das einstimmige, simple Lied »Alleweil ein wenig lustig« von 1733 von Valentin Rathgeber, der wegen einer unerlaubten Bildungsreise ins Kloster-Verlies kam, wurde durch die Lockerheit und spannende, dynamische Gestaltung zum Erlebnis. Geschmeidig flossen komplexe polyfone Renaissance-Sätze dahin, wie der Abendhymnus »Te lucis ante terminum« von Tiburtio Massaino, Augustinermönch in Piacenza, der wegen des Verdachts homosexueller Neigungen in Salzburg verhaftet wurde, oder Adriano del Negris »Dass ich jetzt fahr dahin«. Das Tohuwabohu in der Partitur von »Luci serene e chiare« von Gesualdo da Venosa, des »Michael Jackson der Renaissance«, entsprach dem Leben dieses Komponisten, der sich von der Untreue seiner Geliebten zum Mord hinreißen ließ. Bestens vorbereitet meisterte der Chor auch dieses höchst dramatische Werk mit seiner sperrigen Rhythmik und seinen kühnen Harmonien.

Richtig freigesungen hatte er sich in Mozarts Kanon »Lieber Freistädtler«, Spottlied auf seinen als mutmaßlicher Klavierdieb verhafteten Saufkumpan, und Passereaus »Il est bel et bon«. Ein Höhepunkt war die Schilderung der höchst kriminellen Vita von Karl May, zu der als Gag quasi von fern (aus dem Foyer) die herrlich gejaulte Winnetou-Melodie erklang. Dieser Karl May komponierte als Lehrer auch mal ein Marienlied, vom Männerchor gefühlvoll intoniert. Tränen lachte so mancher Zuschauer heimlich bei der Trauerritual-Pantonime von Miss Marple und Mr. Stringer zu Petra Burgers trocken-ernstem Vortrag aus »Winnetou 3«, wo sich der sterbende Winnetou dieses Lied wünscht.

Das Bläserensemble lockerte den Abend unter Hadullas Leitung mit strahlender Klangkultur und tänzerischer Leichtigkeit mit Canzonas und Madrigalen von Massaino und Manuel Arranjo auf und bezauberte zusammen mit den Sopranistinnen mit einer Komposition von John Downland. Zum Amüsement der Zuhörerschaft flocht Rupert Übelherr in seine Erzählungen Anspielungen auf das Surtal, aber auch auf aktuelle Themen, von »MeToo« bis zur Flüchtlingsproblematik, ein. Versöhnlich klang der Abend mit einem ausdrucksstarken Abendlied von Johannes Brahms aus. Veronika Mergenthal