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Kreuz in der Bildenden Kunst: Ablehnung – Provokation – Hinwendung

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Das Kruzifix von Dr. Jakob Adlhart in der Pfarrkirche Heilig Kreuz in Traunstein.

»Ich finde es gut, dass er da ist!« meinte eine Zuhörerin am Ende der Podiumsdiskussion in der Pfarrkirche Heilig Kreuz in Traunstein. Mit »er« meinte sie den überlebensgroßen, holzgeschnitzten Christus über dem Altar, der seit der Erbauung der Kirche in den 50er Jahren für rege und kontroverse Diskussionen gesorgt hat.


Genau diese unterschiedlichen Einschätzungen über Bedeutung, Funktion, Wirkung und Gestaltungen von Kreuz und Kruzifix in der bildenden Kunst war das Thema der Gesprächsrunde, deren Teilnehmer mit Dr. Christine Abart, Theologische. Referentin im Haus St. Rupert und Katholischen Kreisbildungswerk Traunstein, Christoph Merker, Künstler aus Berchtesgaden, Rainer Maria Schießler, Pfarrer aus St. Maximilian in München, sowie Gottfried Stritar, ehemaliger Dekan des evangelischen Dekanats Traunstein, viel Wissen und Erfahrung einbringen konnten.

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Kreuzesammlung von Pfarrvikar Nobs

Herbert Stahl, der 1. Vorsitzende des Kunstvereins Traunstein, erläuterte, wie es zu dem Projekt »kreuzundquer« gekommen war, das mit der Podiumsdiskussion seinen vorläufigen Abschluss finden sollte. Pfarrvikar Christoph Nobs hatte im Laufe von einem Jahr weit über 200 Kreuze gesammelt, die ihm Gemeindemitglieder gebracht hatten und installierte sie auf der Wiese neben der Kirche an einem Maschendrahtzaun. Er hatte den Wunsch, dass die Kreuze eine positive Transformation erfahren sollten, vielleicht in einem künstlerischen Konzept. Zehn Menschen, die alle in irgendeiner Form ein schweres Kreuz zu tragen hatten, wählten sich ein Kreuz aus und gestalteten es ganz frei um. Im Verlauf der Karwoche 2016 wurden die Kreuze als Gestaltungselemente in den Gottesdiensten eingebaut. Bei einer weiteren Aktion kam es am Ostersamstag zu einer Bepflanzung der gesamten Installation. Irgendwann wird die Natur alles überwuchert haben.

Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie in Traunstein und neben Christoph Nobs eine der beiden Moderatoren, stellte die Podiumsteilnehmer vor und bat Dr. Christine Abart alttestamentliche biblische Aussagen zu dem Komplex Kreuz/Kruzifix – Schuld und Sühne – Opfer – Gewalt – Gottesbild und ihre Resonanz in den neutestamentlichen Kreuzesinterpretationen darzulegen. Dr. Abart fasste die verschiedenen Möglichkeiten einer Kreuzinterpretation zusammen und bündelte die Aussagen in dem Zitat: »Er erniedrigte sich gehorsam, gehorsam bis zum Tode am Kreuz«.

Jesus als »Gottesknecht«

Jesus als »Gottesknecht« lässt sich von Gott in den Dienst nehmen, er stirbt am Kreuz, um Leben für die Menschen zu er-möglichen. Ein zweites, von ihr sehr eindringlich gezeichnetes Bild, war die biblische Geschichte des Schafbocks, dem nach jüdischer Tradition durch Handauflegen alle Schuld übertragen wird. Gott gibt durch den Tod Jesu am Kreuz die Zusage, dass alle Schuld vergeben wird. Aus dieser Vorstellung heraus ergeben sich dann später viele unterschiedliche bildhafte Interpretationen, wie z.B. das Lamm Gottes, der Schmerzensmann, der schon Verklärte, der Auferstehende usw..

Mithilfe vieler publikumswirksamer Geschichten aus seiner seelsorgerischen Praxis versuchte Pfarrer Rainer Maria Schießler von der Kirche St. Maximilian in München die Einstiegsfragen von Pfarrvikar Christop Nobs nach seinen persönlichen Erfahrungen mit den Menschen zu beantworten. Schießler ist durch seine unkonventionelle Arbeitsweise in Medien und auf dem Oktoberfest beim Publikum sehr bekannt. So versuchte er mit anschaulichen, oft drastischen Erzählungen über die Notwendigkeit der Offenheit für Leid und Auferstehung zu sprechen.

Auferstehungsgedanke auch ohne Kreuz

Für ihn sei nicht ganz klar, was ihn mehr ärgere, eine totale Analyse des Kreuzes und damit auch eine »Verbanalisierung«, wie er sich ausdrückte, oder aber eine religiöse Dramatisierung. Er warf provokative Fragen auf, sprach in Bezug auf das Kreuz von einem Marterpfahl oder einem Mordinstrument, das wir schmücken. »Ja sind wir eigentlich gaga?« war diesbezüglich seine plakative Frage. Die meisten Menschen würden sich heute die Frage stellen, ja wieso musste der wegen mir sterben? Was macht das für einen Sinn? Bis zum 7. Jahrhundert sei die Kirche ohne den Korpus ausgekommen. Er plädierte dafür, dass ein Auferstehungsgedanke auch ohne »den da, der da am Kreuz hängt«, möglich sein müsse.

Pfarrvikar Christoph Nobs sprach von der grundlegenden Veränderung im Bildpro-gramm des Kreuzes von der Romanik zur Gotik. Die Romanik zeige ein herrschaftliches Kreuz, nicht wie in der Gotik den leidenden Christus.

Künstler interpretieren Kruzifixe individuell

Kunsthistoriker und Künstler Christoph Merker verneinte die Frage, ob er schon einmal ein Kruzifix gestaltet habe. Er habe sich noch nicht an dieses Thema herangetraut, sich allerdings schon mehrfach als gläubiger Christ mit dem Kreuz künstlerisch auseinandergesetzt. Mit sehr kompetenten und überzeugenden Argumenten zeigte er auf, dass alle Kruzifixdarstellungen nach der Romanik stark von individuellen Interpretationen des jeweiligen Künstlers geprägt sind.

Eigentlich müsse der Künstler scheitern in der Kreuzdarstellung. Das Bild eines ausgemergelten, von Würmern zer-fressenen Körpers von Jesus bezeichnete er als »kunsthistorischen Zufall«. Ein junger Mann von 30 Jahren, der Brot gegessen und Wein getrunken habe, habe bestimmt nicht so ausgesehen. Da die Kirchen keinen Rahmen vorgeben, müsse der Künstler interpretieren. In den heutigen modernen Kirchen stehe das teure, edle, stark reduzierte abstrakte Design im Vordergrund. Daran könne man sich aber nicht reiben.

Judith Bader setzte dagegen, dass es sich in diesen Fällen aber meist um das Bedürfnis handele, Spiritualität zu erzeugen. Das Abbild der Wirklichkeit sei überholt, aber das Bedürfnis nach narrativen Darstellungen sei beim Gläubigen stark vorhanden. Abstraktion sei eine Möglichkeit, einen Raum für Sammlung, Andacht und Konzentration zu erschaffen, der zudem religionsunabhängig sei.

Kreuz als Erinnerungssymbol

Pfarrer Schießler warf hier ein, dass man sich im neuen Ordinariat in München-Freising gar nicht mehr zu bewegen traue, vor lauter schickem Design herrsche dort eine ähnlich sterile Atmosphäre wie in einem Wartezimmer in einer Zahnarztpraxis. Christoph Merker definierte das Kreuz zusammenfassend als Erinnerungssymbol für Glauben und religiöse Themen. Ansonsten sei jedes Kreuz zunächst nur Material, Holz oder Metall oder Kunststoff.

Der ehemalige evangelische Dekan Gottfried Stritar legte dar, warum es zu einer »Bil-derknappheit« in den evangelischen Kirchen gekommen war, das Kreuz aber sehr wohl eine große Rolle spiele. Vom Isenheimer Altar von Mathias Grünewald, auf dem Johannes der Täufer dargestellt ist, mit der einen Hand eine Bibel haltend und mit der anderen Hand auf das Kreuz zeigend, übernommen, habe Lukas Cranach Martin Luther dargestellt, eine Hand auf der Bibel liegend und die andere Hand auf das Kreuz weisend. So bekam das Kreuz seine zentrale Rolle in den Kirchenräumen der evangelischen Gemeinden.

Luther: reden und predigen statt Bilder

Das Bildprogramm sollte nach Luther pädagogisch-didaktisch sein. Die inneren Bilder des Gläubigen sollen durch Reden/durch Predigten hervorgerufen werden. Dass so ein Stück Holz oder Metall zum Kreuz wird, ist immer eine Interpretation des Menschen. Einen Bilderstreit gebe es schon seit dem 2. Konzil von Nizäa, nicht erst seit Martin Luther, im Laufe der Jahrhunderte wurde Bilderstiften modern, um die Seele zu retten. Der leidende Christus am Kreuz sei als Gegenbild zur Ecce-Homo-Darstellung zu sehen, als Gegendarstellung zum kräftigen, gestylten Menschen. Das Skandalon des Kreuzes, der Skandal, sei heutzutage nicht mehr vor-handen, wir hätten uns zu sehr daran gewöhnt.

In der darauf folgenden Diskussion ging es um die konkrete narrative oder abstrakte Darstellung und Interpretation des Kreuzes. Christoph Nobs sieht in den abstrakten Darstellungen eher eine »abgehobene« Sichtweise, die narrative Darstellung jedoch sei dem Menschen viel näher. Christoph Merker vertrat die Ansicht, es gebe nicht mehr nur die eine wahre Idee. Vielmehr sei jede gute Kunst immer religiös. Die Kirche sei immer ultramodern gewesen. Die existentiellen Themen des Menschen würden nach wie vor von vielen Künst-lern aufgegriffen und bei den meisten von ihnen könne man einen modernen Gottesbegriff finden.

Mit dem Kreuz keine Kreuzzüge führen

Für Dr. Christine Abart sind die Geschichten, die sich um die Kreuzdarstellung ranken, sehr wichtig, dadurch könne man miteinander kommunizieren. Alles Leid des Alltags, aber auch dessen Überwindung, sei darin enthalten. Einig waren sich alle darin, dass eine Auferstehung auch ohne das Kreuz möglich sein muss. Gottfried Stritar machte sehr deutlich, dass jeder Mensch seine eigene Sichtweise auf das Kreuz habe. Die Vertreter der Kirchen müssten sich auf Augenhöhe in ein Gespräch mit den Gläubigen einlassen. Mit dem Kreuz könne und dürfe man keine Kreuzzüge führen.

Erfreulicherweise kam dann eine Reihe von Wortmeldungen aus dem Publikum. Für die meisten sei das Kreuz, das Kruzifix sehr wichtig, betonten sie. Es gebe ihnen Halt, sie kämen zum Nachdenken über Jesus, über Gott und sich selbst. Immer wieder nahmen die Wortbeiträge Bezug auf das riesige Kruzifix hinter den Podiumsgästen. Zwischen »Es macht mir Angst in diesem Raum« und »Ich finde es gut, dass er da ist« bewegten sich die verschiedenen Stellungnahmen dazu.

»Darf ich so ein Kreuz umgestalten?«

Regina Schmidt und Herbert Stahl schilderten den deutlich sichtbaren Prozess, den jene Menschen durchmachten, die sich während des Kunstprojekts ein Kreuz ausgesucht hatten, um es umzugestalten. Aus einer anfänglichen Scheu und der ernsten Frage »Darf ich das, so ein Kreuz umgestalten? Das macht man doch nicht!« wurde ein mutiges sich Annähern und Umgehen damit und aus der Ehrfurcht vor diesem Symbol wurde mehr und mehr eine Ehrfurcht vor sich selbst und den bewältigten Problemen.

In den Schlussworten nahmen die vier Podiumsgäste noch einmal die Gelegenheit wahr, ihren persönlichen Bezug zum Thema darzustellen. Pfarrer Schießler zeigte – nicht ohne Spitze gegen seine evangelischen Kollegen – erneut sehr plakativ die unterschiedlichen Sichtweisen hinsichtlich der bildlichen Darstellungen in den beiden Kirchen auf. Dr. Christine Abart verwies auf das viele Kreuz und Leid in der Welt: Hier müsse man ein Signal der Auferstehung durch das Kreuz setzen.

Gottfried Stritar plädierte an alle Künstler nicht so brav zu sein, sondern wieder zum Skandalon des Kreuzes zurückzukehren Die letzte künstlerische Provokation in Bezug auf das Kreuz sei bereits 1990 erfolgt, als Martin Kippenberger einen grünen Frosch mit heraushängender Zunge ans Kreuz hängte. Dabei sei es so wichtig, durch provokative Darstellungen Gespräche und Diskussionen zu bewirken. Und Christoph Merker brach zum Schluss eine Lanze für die Künstler und wiederholte seine Aussage, dass in modernen Kunstwerken sehr wohl das Kreuz enthalten sei, natürlich nicht gleich sichtbar. In den großen Themen der Menschheit sei es immer da, man müsse nur genau hinsehen. fb

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