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»Kleine Germanen« - Wie Neonazis ihre Kinder erziehen

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"Kleine Germanen"
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«Kleine Germanen»: Die kleine Elsa salutiert. Foto: Little Dream Pictures Foto: dpa

Die treusorgende Mutter, der Vater als Herr im Haus: Im rechten Milieu ist die Rollenverteilung oft sehr traditionell. Das färbt auch auf die Kinder ab. Wie die Kleinen auf den rechten Kurs gebracht werden, zeigt nun ein Dokumentarfilm.


München (dpa) - Zucht und Ordnung und bloß nicht weinerlich sein - der Kinofilm »Kleine Germanen« erzählt von einer Kindheit der anderen Art. Im Mittelpunkt der deutsch-österreichischen Produktion stehen Jungen und Mädchen, die in nationalistisch gesinnten und zum Teil rechtsextremen Familien leben.

Roter Faden ist Elsas Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht und von ihr rückblickend erzählt wird. Sie wird mit dem rechten Gedankengut groß und gibt es an ihre Kinder weiter, bis sie an einem dramatischen Wendepunkt aussteigen will. Das tragische Schicksal von Elsa wird als Animation erzählt, dazwischen dokumentarische Szenen, in denen Leute aus der rechten Szene ebenso zu Wort kommen wie Aussteiger und Experten.

»Als Kind mussten wir immer stark sein«, erzählt Elsa, die zum Schutz einen anderen Namen trägt. »Wir durften nicht weinen und uns an nichts zu sehr binden. Zucht und Ordnung war das Wichtigste.« Was darunter zu verstehen ist, macht ihr der Großvater deutlich, wenn sie Krieg gegen die Russen spielen und er ihr danach ein Ehrenzeichen der SS verleiht. Und Elsa antwortet: »Für Führer, Volk und Vaterland!«.

Sorgfältig und eindrücklich zeichnen die Regisseure Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger die Lebensgeschichte der Frau nach, die um 1970 geboren wurde. Wie sie in der Schule mit rechten Sprüchen aneckt und Gefallen an Konfrontation findet. Wie sie Thorsten kennenlernt, der in der rechtsextremen Szene für seine Reden berühmt ist. Ihr Ziel: Ausländer aus Deutschland zu vertreiben. In diesem Sinne erziehen sie auch ihre Kinder, schicken sie in Ferienlager, in denen ihnen Kampfgeist und rechtes Gedankengut eingetrichtert werden. Der Mann als Herr im Haus, die Frau als treusorgende Mutter.

Eingestreut sind dokumentarische Szenen: Aussteiger aus der rechten Szene schildern ihre Erfahrungen. Als Kontrast Leute wie der neurechte Verleger Götz Kubitschek, die frühere NPD-Funktionärin Sigrid Schüßler oder Martin Sellner von der Identitären Bewegung Österreich. Allerdings sind ihre Äußerungen wohlbedacht. Keine markigen Sprüche, stattdessen schwärmen sie von ihrer idyllischen Kindheit und beklagen den Verlust fester Werte. Dass sie drastischer werden können, zeigen kurze Einspieler, in denen sie auf Kundgebungen unter dem Jubel ihrer Zuhörer keinen Hehl aus ihrer Gesinnung machen.

Insgesamt gibt der Film interessante Einblicke in die Kindererziehung im rechten Milieu, auch aus wissenschaftlicher Sicht. Viele Experten etwa von Universitäten oder Beratungsstellen kommen zu Wort. Sie sind allerdings nicht zu sehen, sondern sprechen aus dem Hintergrund. Stattdessen werden spielende, blonde Kinder eingeblendet, die nichts mit der rechten Szene zu tun haben, sondern für den Film gecastet wurden. Das irritiert und ist schade, verlieren die Äußerungen doch an Gewicht.

Man würde diese Leute gerne sehen, die so Interessantes zu sagen haben, etwa die Erziehungswissenschaftlerin Alice Blum von der Universität Gießen, die in vielen dieser Familien eine ständige Katastrophenstimmung beobachtet hat: »Dieses Gefühl bekommen die Kinder im Grunde jeden Tag vermittelt, zu sagen, es kann sein, dass wir dich aus dem Bett holen werden. Und dann müssen wir los, weil dieses Deutschland hier zusammenbricht.«

- Kleine Germanen, Deutschland/Österreich 2019, Realfilm und 3D-Animation, 86 Min., FSK ab 12, von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh.

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