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Klassische Weihnachtslieder mal ganz anders

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Ein interessantes Experiment: Dr. Markus Griesbeck interpretiert blind am halb auseinander gebauten Klavier »O Tannenbaum«. (Foto: Mergenthal)

In der oft stressigen und turbulenten Weihnachtszeit so richtig runterkommen und entschleunigen – das ermöglichte ein etwas anderes Weihnachtskonzert mit dem Solointerpreten Dr. Markus Griesbeck. Beim kleinen, feinen Publikum in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS kam dieses bestens an.


Der zweifache Familienvater aus Kirchweidach war nicht nur am Klavier mit Improvisationen rund um bekannte Weihnachtslieder, sondern auch in anderen Rollen zu erleben. Beruflich ist er der promovierte Theologe und Betriebswirt in anderen Sparten daheim, als Mitglied der Geschäftsleitung eines mittelständischen Familienunternehmens.

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Das Klavierspielen hatte er zwar bereits mit vier Jahren begonnen, ließ aber die Tasten nach bestandener C-Kirchenmusikerprüfung als 22-Jähriger für fast 20 Jahre ruhen. Erst durch ein Benefizkonzert für den Musikförderverein Kirchweidach entdeckte er seine Begeisterung für das so vielseitige Pianoforte neu. Und ließ den Funken in Traunstein auf die Zuhörer überspringen, indem er es ihnen wohltuend unaufgeregt und mit einer Prise trockenem Humor genau erklärte.

Seine Art der Erklärung war sehr anschaulich: Bei zwei Stücken baute Griesbeck das Tasten-, Saiten- und Hammerinstrument sogar halb auseinander, so dass jeder die Funktionsweise der Mechanik genau beobachten konnte. Nach dem von der Eurovisionsmelodie inspirierten Intro widmete er sich zunächst alten Weihnachtsliedern und brachte dem Publikum interessante Behauptungen und Hintergründe nahe. Etwa, dass »Es werd scho glei dumpa« eigentlich ein Schlaflied sei. Raffiniert kombinierte er das alpenländische Lied anderen deutschen Schlafliedern wie »La-le-lu, nur der Mann im Mond schaut zu« und »Guten Abend, gut Nacht« von Brahms.

Auch war zu erfahren, dass Martin Luther über 35 Lieder komponiert habe, unter anderem »Vom Himmel hoch« mit stolzen 15 Strophen, mit deren Absingen er seine Kinder vor der Bescherung beschäftigte beziehungsweise auf die Folter spannte. Dazwischen plauderte der Kirchweidacher mit seinem Auditorium über interessante Zahlen zur Beliebtheit des Klaviers. So seien allein in China 2018 ganze 150 000 Klaviere verkauft worden, und es gebe dort 41 Millionen junge Klavierspieler. Dass »Macht hoch die Tür« in Wahrheit kein Adventslied sein soll, sondern von Pfarrer Georg Weissel 1623 angeblich zur Einweihung einer Kirche komponiert wurde, war auch für manchen neu.

Die Spannung stieg, als der Pianist ein Experiment am Klavier ankündigte, treu das umsetzend, was ein guter Klavierspieler beherrschen muss, unter anderem das Blindspielen und Transponieren. Er ließ sich von seiner Frau mit einem FC-Bayern-Schal die Augen verbinden und spielte so ein wildes »O Tannenbaum«, angeblich ursprünglich ein Holzfällerlied, wie er verschmitzt anmerkte. In den facettenreichen Wiederholungen ließ er lautmalerisch mal den Borkenkäfer ins Holz eindringen und dann wieder herausfliegen. Trotz derlei Eskapaden hatte man nie das Gefühl, dass die vorgestellten Lieder nur verballhornt werden sollen.

Aufgelockert wurde das »Konzert« durch von Griesbeck vorgetragene heitere Texte rund um das Christfest von Heinz Bornemann, Berthold Brecht, Toni Lauerer und Stefan Reincke. Der zweite Teil war neueren Liedern vorbehalten. Bei »O du fröhliche« demonstrierte Griesbeck mit einer ohrenbetäubend lauten Interpretation am halb geöffneten Klavier, Gehörschutz tragend, ein Gegenbild zu süßlichen, langweiligen Varianten in so manchen Kirchen. Das Dreikönigslied »Wir kommen daher aus dem Morgenland« verquickte er mit dem Bluesschema. Duftig-verträumt switchte er zwischen »Winter Wonderland« und »White Christmas« hin und her und machte aus »Jingle Bells« zwischendrin einen mit schweren Stiefeln daherpolternden russischen Kosakentanz. Am Ende zollte er dem beliebtesten aller Weihnachtslieder, dem in 174 Sprachen übersetzten und außer von den »Toten Hosen« nie »verhunzten« Lied »Stille Nacht« seine Reverenz und ließ es als Wiener Walzer dahin perlen.

Veronika Mergenthal