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Klarer Verstand und hohe Leidenschaft beim Musizieren

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Das Publikum der Traunsteiner Sommerkonzerte »hat ein neues Streichquartett«. Das wurde schnell deutlich beim Konzert I der diesjährigen Veranstaltungsreihe, bei dem das junge Acies Quartett aus Graz in der Klosterkirche zu Gast war. Die vier Musiker (Benjamin Ziervogel und Raphael Kasprian, Violinen; Manfred Plessl, Viola; Thomas Wiesflecker, Violoncello) fanden 2006 zusammen und heimsten gleich im Gründungsjahr Preise und Auszeichnungen ein, darunter den »Mozart-Preis« für die »beste Mozart-Interpretation 2006«. Eine gewisse Unsicherheit herrschte bei den Zuhörern über den Sinn des Namens, reicht die Bedeutung des lateinischen »acies« doch von »Schärfe, Schneide«, »Sehkraft« über »Scharfsinn, heller Verstand« bis hin zu »Heer in Schlachtaufstellung«.


Beim ersten Werk des Abends, W. A. Mozarts 1783 komponiertem Streichquartett d-Moll KV 421, entschied sich der Berichterstatter spontan für »klarer, analytischer, ordnender Verstand«, verbunden mit leidenschaftlicher Begeisterung. Hatte das Atrium Quartett vor drei Jahren dieses Quartett eher routiniert-obenhin abgeliefert, so überzeugten Acies ab dem flirrend-lebendigen 1. Satz durch flexible Homogenität, rücksichtsvolle Zusammenarbeit und eben dadurch unaufdringliche Perfektion. Im Andante entwickelten sie aus einem kleinen Aufwärts-Motiv schlichte, wohltönende Melodie- und Akkordgestalten. Das angriffslustig punktierte Scherzo/Menuett-Motiv kontrastierte im Trio mit dem entzückenden Solo des Primarius zur Pizzikato-Begleitung der Kollegen. Der finale, anfangs hurtig dahinhuschende Variationensatz nahm bald dramatische Form an, verinnerlichte sich dann in warmen Farben und wurde endlich zu einem spielerisch-frohen Miteinander – eine Mozart-Interpretation erster Qualität.

Ein Querschnitt des kompositorischen Schaffens von Friedrich Gulda steht bei den diesjährigen Sommerkonzerten im Focus. Sein Streichquartett fis-Moll (1950/51; uraufgeführt 1953 in Wien) verdankt dem Acies Quartett seine »Weltpremiere auf Tonträger« (2009). Die vier Musiker gingen dieser Komposition hingebungsvoll und zugleich augenzwinkernd nach, demonstrierten, wie der Komponist im zarten Alter von 20 Jahren raffiniert und ironisch mit den überkommenen Mitteln und Elementen des Streichquartetts umging und damit ein meisterhaftes Studentenwerk schuf.

Das phantasievolle »Andante appassionato« wurde zu einem in seiner Ruhe beeindruckenden Satz; introvertierte Motive erinnerten in ihrer Klangsinnlichkeit, aber auch tiefschürfenden Melancholie an Bartok und Schostakowitsch. Das dreiteilige »Presto«, extrem rhythmisiert, barg einen Mittelteil in faszinierender Zartheit und Harmonie; das »Tranquillo« zum Schluss begann mit einem zwingenden Unisono, zuerst von Violoncello und Viola, dann von allen Instrumenten zelebriert; das Thema wurde von Girlandenläufen umflochten, imitatorisch verdichtet, zu Bordunklängen der tiefen Streicher tänzerisch weiterentwickelt und fand mit köstlichen zwei- und dreiteiligen Fugen und einem phantastischen Solo des Primarius zu abgeklärter Ruhe.

Die Bandbreite ihres technischen und interpretatorischen Könnens bewiesen die Grazer nachdrücklich mit Franz Schuberts Streichquartett d-Moll D 810 (1824) mit dem Beinamen »Der Tod und das Mädchen«. Mit federnder Energie, beklemmend trotz oder gerade wegen der melodiösen Einsprengsel, wiesen sie schon im Kopfsatz die »Schicksalsharmonik« nach, die im Variationensatz mit der Melodie aus Schuberts Matthias Claudius-Lied »Der Tod und das Mädchen« klar ausgesprochen und zum Zentrum der Komposition wurde. Auch das aggressive Scherzo mit seinem sanglichen Trio lebte aus diesem Harmonien-Schema, ebenso der in einem unglaublichen Thema musizierte »Totentanz« des Presto-Finales mit seiner Stretta, die die Grenzen des musikalischen Ausdrucks streifte.

Der überschwängliche Beifall des Publikums wurde mit dem meditativen Adagio aus Joseph Haydns »Sonnenaufgangquartett« belohnt. Engelbert Kaiser