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Klänge jenseits harmonischer Grenzen

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Das enge und sensible Zusammenwirken an Klavier (Silke Avenhaus) und Violine (Antje Weithaas) kam wie selbstverständlich und scheinbar ohne große Mühen. (Foto: Benekam)

Virtuose Frauenpower – zwei Wörter, die genau das treffend beschreiben, was die Gäste des Traunsteiner Sommerkonzerts IV im Großen Sitzungssaals des Landratsamts erleben durften.


Das Duo Antje Weithaas/Silke Avenhaus schöpfte großzügig aus den Vollen, geizte in keinem Moment mit all den guten Zutaten, die ein niveauvolles klassisches Konzert zum unvergesslichen Klangerlebnis machen: Hochkonzentriert strebten die beiden international gefragten Musikerinnen nach Perfektion.

Das enge und sensible Zusammenwirken an Klavier (Silke Avenhaus) und Violine (Antje Weithaas) kam wie selbstverständlich und scheinbar ohne große Mühen. So war es ein wahres Fest der Sinne für die hingerissenen Sommerkonzertbesucher.

Ein echter Knüller gleich zu Beginn

Auf dem Programm standen Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Eugène Ysaÿe und Maurice Ravel. Ein echter Knüller kam gleich zu Beginn: Felix Mendelssohn Bartholdys Violinsonate in F-Dur für Violine und Klavier. 1953 – mehr als hundert Jahre nach Mendelssohn Bartholdys Tod – staunte die Musikwelt Bauklötze: Eine Violinsonate des reifen Felix Mendelssohn Bartholdy erschien in einem New Yorker Verlag. Herausgeber des in Vergessenheit geratenen Manuskripts war kein Geringerer als Yehudi Menuhin, der dem Werk sogleich den »eigenen Stempel« einer sehr freien Bearbeitung verpasste.

Das Duo Weithaas/Avenhaus aber widmete sich der erheblich davon abweichenden Originalgestalt und brachte das Traunsteiner Publikum damit zum Schwärmen. Die Frische, soghafte Intensität im Zusammenspiel des Duos kam einer Huldigung an den großen Komponisten gleich.

Mit eben solcher Wucht brachte das Duo im Anschluss Johannes Brahms Scherzo WoO 2 c-Moll, aus der F.A.E.-Sonate zum Klingen – ein drängender c-Moll-Satz, den die Violine mit repetierten Triolen auf der G-Saite stürmisch eröffnet. Das Motto klang in den mächtigen Klavierakkorden an.

Einen selten gehörten Ohrenschmaus hielt Antje Weithaas mit der Sonate für Violine solo G-Dur, op. 27 Nr.5 »L'aurore« von Eugène Ysaÿe bereit: Hoffnung, Liebe, Leidenschaft aber auch Verzweiflung, ja das gesamte Spektrum der Gefühle, soll ein Violinist kennen, um wirklich das auszudrücken, was er spiele, so der belgische Violinvirtuose.

In »L’aurore«, übersetzt »Die Morgendämmerung«, griff Ysaÿe auf viele Stilmittel zurück, die für die Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts typisch waren: Klänge jenseits harmonischer Grenzen und Töne, die zwar expressiv, aber auch zart und verletzlich sind – gespickt mit einer virtuosen Spieltechnik, die Antje Weithaas aufs Genialste beherrschte.

Krönender Abschluss von Maurice Ravel

Als krönender Abschluss des Sommerkonzertabends setzte die Interpretation der Sonate für Violine und Klavier von Maurice Ravel einen weiteren Glanzpunkt. Ravels 1927 vollendete Violinsonate ist ein grandioses Spätwerk des französischen Musik-Impressionisten. Im Bestreben kompositionstechnisch neue Wege zu beschreiten und seinen Ausdrucksbereich zu erweitern, verzichtete Ravel auf das Klanglich-Gefällige und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Kargheit bestimmt die Behandlung des Klaviers im ersten Satz: Nicht vollgriffige Akkorde, sondern Transparenz durch Zwei- und Dreistimmigkeit im ersten Teil. So auch im Zusammenklang mit der Geige – alles ist leicht, luftig und durchsichtig.

Im zweiten Teil des ersten Satzes wird das Hauptthema abgewandelt, das Empfinden von Leichtigkeit wird durch ein neckisches Klopfen irritiert, das den ganzen Satz hindurch immer wieder hörbar wird. Im zweiten Satz greift Ravel eine typische Blues-Floskel auf, die für den Satz bestimmend bleibt, sich im Verlauf zu einer Jazzmelodie entwickelt und den Hörer gespannt aufhorchen lässt. Die Violine spielt zunächst nur pizzicato, dann folgt eine typisch Ravelsche Melodie-Linie, die den Rhythmus der Jazzbegleitung ein wenig durcheinanderbringt.

Zu Beginn des dritten Satzes wird im Wechsel von Klavier und Violine vorsichtig die Figur, die zum Perpetuum mobile der Geige wird, ausprobiert. Einmal gefunden, wird sie unaufhörlich und unerbittlich weitergeführt bis zum Ende hin. Letztlich holt das Klavier das Perpetuum mobile ein, will es übertönen, und es kommt zu einer Steigerung bis hin zum kräftigen Schluss, den das Duo energiegeladen zum Ausdruck bringt.

Nach stürmischem, lang anhaltendem Applaus gaben die beiden Virtuosinnen mit Verve den ersten und vierten Satz von Dvoraks Sonatine als kostbares Zuckerl obendrauf. Die Traunsteiner Sommerkonzerte blühten in allen Klangfarben und spendeten ihren Gästen inspirative Momente der Gemeinsamkeit. Kirsten Benekam