weather-image
18°

»Kitsch ist eine Katastrophe«

Berchtesgaden - Was ist Tracht, was ist Landhausmode und was ist Kitsch? Josef Wenig, der Vorsitzende der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes, weiß natürlich eine Antwort. Deshalb fordert er einen Trachten-Leitfaden. Für den Streit über die Sonntagsöffnungen am Königssee, in dem es auch um die Frage nach »ortskennzeichnender« Ware geht, hat er nur ein Kopfschütteln übrig. Für ihn ist die Sache klar: »Am Sonntag sollten alle Geschäfte offen haben dürfen«, sagt der Brauchtumspfleger. Zumindest in Regionen, die vom Tourismus abhängig sind.

Wirbel am Königsee: Das Landratsamt sagt, Originaltracht darf am Sonntag verkauft werden, »Landhausmode« aber nicht. Josef Wenig hat dafür nur ein Schulterzucken übrig. Wenig hat die Diskussionen am beliebten Ausflugssee verfolgt. Das Grundproblem sei ein ganz anderes, veraltet der Umstand, dass in einer touristisch geprägten Region überhaupt ein Verkaufsverbot am Sonntag für Händler mit bestimmten Waren gelte. »Gasthäuser, Einrichtungen - es hat sowieso alles offen.« Und die Region lebe nun mal davon. Jeder sollte seinen Laden öffnen dürfen, meint Wenig.

Anzeige

Das Sortiment zu begrenzen, hält er für falsch. Gegen sogenannte Landhausmode, die am Königssee verkauft wird, hat er nichts einzuwenden. »Das hat Stil«, sagt er - und könne, wenn es nach ihm ginge, auch sonntags über die Verkaufstheke wandern. Was dem Vereinigungsvorstand aber ein Dorn im Auge ist, ist modischer Kitsch. Schrullig farbenfrohe Oktoberfest-Outfits etwa. Und diese gebe es am Königssee sowieso nicht.

Klare Worte findet er für den Fall, dass auch Brauchtumsvertreter unter Geschmacksverirrungen leiden: »Ein Trachtler, der in einem Verein verankert ist und Kitsch trägt, ist für mich eine Katastrophe. Das ist unverzeihlich.« Denn Tracht bleibt Tracht. »Sie ist überliefert, teilweise über 100 Jahre«, weiß Wenig. Und ist froh darüber, dass sich die Berchtesgadener Trachtler weitestgehend an die Tradition halten.

Neun Trachtenvereine gehören der Vereinigung an. Die Tracht wurde von Generation zu Generation weitergegeben. »Das ist auch gut so«, betont der Vorsitzende. Werktagstracht, Sonntagstracht oder Festtagstracht - jeder Anlass erfordert eine andere Kombination. Was Probleme mit sich bringt.

Viele wüssten oft nicht genau, was man wann tragen soll. »Ich muss auch manchmal überlegen«, gesteht der Vorstand. »Beim Palmtragen wird oft die lange schwarze Hose angezogen.« Das sei aber falsch. Richtig sei die Bundhose. Denn der Palmsonntag ist kein »hochfestlicher Feiertag«. Es mangle so manchem am notwendigen Wissen. Eine Anleitung für Trachtler, wie man sich zu welchem Anlass zu kleiden hat, ist also nicht verkehrt: »Ein Leitfaden muss her«, fordert Wenig. Und findet sich mit seinem Ansatz in guter Gesellschaft.

Denn auch andere Trachtenvereinsvorsitzende unterstützen diesen Appell. Geplant ist, einen Leitfaden zu schaffen, an dem sich jeder orientieren kann. »Die Zeit dafür ist gekommen, im Sinne unseres Nachwuchses«, findet Wenig. Dass es weiterhin »Ausreißer« geben wird, sei menschlich und nicht tragisch. kp