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Kein Puderstäubchen mehr auf der Perücke

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Viel Beifall bekam Pablo Heras-Casado für seine handfeste Art des Dirigierens. (Foto Mozarteum/Wolfgang Lienbacher)

Von der Symphonie »The Miracle« existiert folgende Legende: Bei der Aufführung sollen sich damals die Londoner Konzertbesucher nach vorne zur Bühne um Meister Haydn gedrängt haben, während hinten der Kronleuchter von der Decke rasselte. Die Musikhistoriker sagen aber, das beruhe auf einer falschen Werk-Zuordnung.


Egal aber, ob es nun nach der Aufführung der Symphonie Hob. I:96 oder jener I:102 keine Verletzten, gar Toten gegeben hat: Haydns Sechsundneunzigste gilt ob dieses Histörchens als die symphonische Schutzpatronin vor dem Erschlagen-Werden. Dessen ungeachtet kann mit diesen Noten kräftig um sich schlagen. Das hat Pablo Heras-Casado am Sonntag bei der Mozartwoche am Pult des Mozarteumorchesters wirkkräftig und schon gelegentlich mit viel Druck auf die Trommelfelle vorgeführt.

Weil Haydns Musik ja einen der Nebenschauplätze abgibt im Programm der Salzburger Mozartwoche, waren an diesem Abend drei »Londoner« Symphonien angesagt. Gleich als Aufwecker jene, die in England den Titel »The Surprise« trägt und bei uns etwas verniedlichend als jene »mit dem Paukenschlag« läuft. Pablo Heras-Casado hat mit gezielt-schnellem Wumm daran erinnert, dass es keineswegs nur die Pauke zum Fortissimo beiträgt. Er hat dann - auch und gerade im Andante-Variationensatz – so recht griffig und holzschnittartig herausarbeiten lassen, wie viele Forte-Optionen drin stecken.

Es ist einem aber nicht nur manches spanisch vorgekommen in diesen von südländischer Energie beseelten Symphonie-Auslegungen, man hat zugleich viele liebenswerte Einzelheiten heraushören können. Bei der eingangs erwähnten »Miracle«-Symphonie zum Beispiel: Da ist gut herausgekommen, wie souverän Haydn mit der im London der 1780er Jahre immer noch als modisch geltenden Concerto-grosso-Praxis spekulierte. Flöte, Oboe und Fagott mischen kräftig mit, und das machte den Spielern an den Solopulten zumindest ebenso viel Spaß wie dem Publikum.

Pablo Heras-Casado ist kein Zauderer, was die Tempi angeht, vor allem die Schlusssätze verwandelt er gerne in virtuose Bravourstücke mit Perpetuum-mobile-Charakter. Die Brillanz, mit der das Orchester dies einlöste, war beachtlich. Fast ein gestalterisches Zuviel (auch in der »Militärsymphonie«, Hob. I:100). Man könnte für diese handfeste Art des Musizierens ins Treffen führen, dass die Konzerte des Johann Peter Salomon in den Hanover Square Concert Rooms in London (dem Ort der Uraufführung) nicht nur frühe Ereignisse eines bürgerlichen Musiklebens, sondern auch Urahnen des Classic-Pop waren. Für solchen in Haydn immer gut, und nach den drei Symphonien waren jedenfalls alle Stäubchen aus der Puderperücke rausgebeutelt. Reinhard Kriechbaum