Kampf mit stumpfen Waffen

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Auch Maria-Anna Winkler, Inhaberin der Watzmann Apotheke, macht sich für bessere Vergütung der Nachtdienste stark und bedient morgen ihre Kunden im Rahmen der Aktion »Wir machen den Tag zur Nacht« von 12.00 bis 13.00 Uhr lediglich über die Notdienstklappe. Foto: Anzeiger/Irlinger

Berchtesgaden - Krankheiten halten sich nicht an Öffnungszeiten. Um rund um die Uhr aber eine pharmazeutische Versorgung gewährleisten zu können, leisten deutsche Apotheker jede Nacht Notdienste. Die Entlohnung dafür sieht jedoch ziemlich mau aus. Um die Politik wachzurütteln und eine Erhöhung der Nacht- und Notdienstpauschale durchzusetzen, ruft die Bundesvereinigung der Deutschen Apotheker morgen Donnerstag zu einem bundesweiten Aktionstag auf. Unter dem Motto »Wir machen den Tag zur Nacht« erhalten Kunden von 12.00 bis 13.00 Uhr ihre Medikamente lediglich über die Notdienstklappe. Auch in Berchtesgadener Apotheken (siehe Kasten) gibt es morgen zur Mittagszeit die Arzneimittel nur durch das kleine Klappenfenster.


Maria-Anna Winkler, Inhaberin der Watzmann Apotheke, trifft es in diesem Jahr mit 54 Nachtdiensten. »Im Berchtesgadener Talkessel teilen sich sieben Apotheken die Nachtdienste, so hat jede Apotheke jede Woche einmal Dienst«, erzählt Maria-Anna Winkler. Die Apotheke muss dabei von 8.00 Uhr morgens bis zum nächsten Tag um 8.00 Uhr dienstbereit sein. »Spätestens um 19.30 Uhr schließe ich meine Apothekentüre ab, dann müssen die Kunden klingeln und sie bekommen ihre Medikamente nur noch über die Klappe«, so die Apothekerin. Bis Mitternacht bleibt Maria-Anna Winkler für gewöhnlich auf, dann zieht sie sich in den ersten Stock der Watzmann Apotheke zurück und versucht, in einem kleinen Zimmer neben Büro und Labor zu schlafen. Klingelt es jedoch an der Türe, steht die Apothekerin auf, eilt zurück in den Verkaufsraum und bedient ihre Kunden über die Klappe.

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Werktags muss der Kunde ab 20.00 Uhr einen Nachtzuschlag von 2,50 Euro bezahlen, am Sonntag ist die Gebühr den ganzen Tag fällig. Kommt ein Patient mit Rezept, übernimmt die Krankenkasse die 2,50 Euro, ein Kunde ohne Rezept muss sie aus eigener Tasche begleichen. »Tauchen zehn Leute die Nacht auf, verdienen wir 25 Euro, die hohen Kosten der Nacht- und Notdienste sind dabei niemals gedeckt.« Und selbstverständlich gibt es auch mal Nächte, da kommt kein einziger Kunde, die laufenden Kosten müssen aber trotzdem bezahlt werden.

Maria-Anna Winkler macht seit über 30 Jahren Nachtdienste, zuerst noch als angestellte Apothekerin, seit 1997 nun selbstständig als Inhaberin der Watzmann Apotheke. »Im Nachtdienst erlebt man die außergewöhnlichsten Sachen, mal haben die Leute kein Bargeld dabei, mal ziehen sie wieder ab, weil sie die Nachtpauschale nicht bezahlen wollen.« Den skurrilsten Fall erlebte die Apothekerin in ihrem allerersten Nachtdienst im Jahr 1980: »Da wollte doch einer glatt um 3.00 Uhr Windeln holen«, erinnert sie sich schmunzelnd.

Die Nacht- und Notdienste sind per Gesetz gefordert, um den Apothekern eine angemessenere Entschädigung zukommen zu lassen, hat die Bundesregierung zum 1. Januar 2013 eine neue Nacht- und Notdienstpauschale in Gesamthöhe von jährlich 120 Millionen Euro zugesichert. Bislang ist jedoch nichts passiert. Die Politiker begründen dies mit unerwarteten Schwierigkeiten bei der Umsetzung. »Wir Apotheker sind sehr geduldige Menschen, wir kämpfen sowieso schon mit stumpfen Waffen und wollen auch unsere Kunden nicht treffen, doch irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Bei den Ärzten, die Nachtdienste machen, weiß man auch, wie man die Bezahlung umsetzen kann.«

Durch die morgige Aktion in ganz Deutschland erhofft Anna-Maria Winkler, dass endlich eine Entscheidung getroffen wird und die Politik ein Einsehen mit ihren Apothekern hat. Wird der Nacht- und Notdienst endlich ein bisschen besser bezahlt, wäre dies zumindest eine kleine Entschädigung für die Berchtesgadenerin, weil sie seit Jahren keinen Urlaub mehr machen konnte. Caroline Irlinger

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