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Käuze, Typen, Sonderlinge

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Carl Spitzwegs Ölbild »Ein Hypochonder« (Detail, 1865) mit unverkennbarer München-Kulisse. (Foto: Gärtner)

Das kleine Münchner Museum Schack-Galerie birgt zwar auch nicht den »Armen Poeten«, das bekannteste Bild des malenden Apothekers Carl Spitzweg (1808 bis 1885), dafür aber fünf andere seiner über 1200, mit feiner Ironie getränkten, Werke. Die Münchner »Museumslinie« hält direkt vor dem Gebäude mit der auffallend stolzen Fassade an der Prinzregentenstraße 9.


Vielleicht ist, um Spitzweg zu entdecken, nicht der Grund, hier anzuhalten und die »Sammlung Schack«, wie die Haltestelle nach dem wenig bekannten Museum heißt, zu besuchen, geöffnet jeweils von Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Denn hier hängen vor allem Gemälde von Schwind, Anselm Feuerbach, Eugen Napoleon Neureuther oder Johann Georg von Dillis und Werke weiterer poetisch gestimmter, damals junger und unbekannter Maler, die es dem kunstsinnigen Adolf Friedrich Graf von Schack (1815 bis 1894) besonders angetan hatten. Viele Besucher schauen nur wegen Lenbachs »Hirtenknaben« (1860) oder Steinles »Türmer« (1859) hier vorbei, gewiss höchst beeindruckende Darstellungen träumend in den Tag hinein Lebender.

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Das Träumerische war Carl Spitzwegs Sache nicht. Der Schelm unter den Münchner Malern des 19. Jahrhunderts schaute sich mit wachem Sinn Käuze, Typen und Sonderlinge unter den Zeitgenossen aus und machte sie zu seinen Protagonisten. Fünf Bilder Carl Spitzwegs beherbergt die Sammlung Schack, alle hübsch nah beisammen in einem farbig ausgemalten Abteil. Sie gehören zu Spitzwegs »besonders gut dokumentierten und authentisch gehaltenen Werken«. Keines von ihnen erfuhr spätere Veränderungen: »Der Abschied« (ca. 1855), »Spanisches Ständchen« (1856), »Türken in einem Kaffeehaus« (ca. 1855), »Ein Hypochonder« (1864) und »Ein Einsiedler, Violine spielend« von 1862.

Das klein- und spießbürgerlich Beschauliche nahm Spitzweg zu Beginn seiner autodidaktisch grundierten Malperiode mit »spitzem« Pinsel aufs Korn. Wie der gelernte Pharmazeut den Kaktusliebling, den Bücherwurm oder den geigenden Eremiten sah – noch heute erregen solche kabarettistischen Köstlichkeiten Schmunzeln. Hinterhof und Krautgarten, Balkon und Dachstübchen, Antiquariat und Kleinstadtwinkel wählte Spitzweg, der, bevor er sich in München niederließ, unter anderem in Straubing und Erding wohnte, gerne die kleinstädtische Enge in seinen Ölbildern festhielt. Mit ihnen gewann er ein bis dato treues Publikum. Es soll Fans geben, die einen echten »Spitzweg« ihr Eigen nennen. Manche sorgen sich nicht grundlos um seine Echtheit; gab es und gibt doch etliche »Spitzfindige«, die den Spätromantiker aus München perfekt zu imitieren wissen.

Was in Schacks einzigartiger Sammlung hängt, ist, dem Kurator Herbert W. Rott zufolge, keine Imitation. Die Mischung der Originale ist gut, auch wenn die Schacks gesammelte Spitzwege sehr dunkel gehalten sind: Es gibt Romantisches, Kurioses, Spießbürgerliches, Exotisches und Verspieltes, alles echt Spitzweg! Wer den »Armen Poeten« von 1839 sehen will, fährt mit dem »100er Bus« ein paar Stationen weiter, bis zur Neuen Pinakothek. Hier findet er den geplagten, nachdenklichen, schlafbemützten Dichter auf hartem Lager aus alten Folianten unterm aufgespannten Regenschirm, wie er – wer weiß, ob die Interpretation zutrifft – mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand, den Federkiel zwischen den Lippen, mit verbissener Miene einen Floh zerdrückt.

Der berühmte »arme Poet« in der Neuen Pinakothek hat im weniger berühmten »Hypochonder« der Sammlung Schack ein veritables Pendant: Beides sind Sonderlinge, Typen, Käuze, beide leben nicht nur auf Spitzwegs Bildern des 19., sondern noch im Alltag des 21. Jahrhunderts weiter. Die »Sammlung Schack« präsentiert sich übrigens wieder vollständig auf drei Ebenen. Die Sanierung betrifft vor allem das zweite Obergeschoß – mit Landschafts-Werken, die lange Zeit der Öffentlichkeit unzugänglich waren. Hans Gärtner

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