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Jubel für ein »verpfuschtes« Frühwerk

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Zwei Werke Robert Schumanns standen auf dem Programm des Eröffnungskonzerts des »Chiemgauer Musikfrühlings« im Vereinshaus in Traunstein. Unser Bild zeigt von links Sergey Malov und Alina Pogostkina (Violine), Diana Ketler (im Hintergrund, Klavier), Radvan Popovici (Viola) und Justus Grimm (Violoncello). (Foto: Heigl)

15 Jahre sind seit der Gründung des »Chiemgauer Musikfrühlings« vergangen und so ist das Kammermusik-Festival nun im besten Teenager-Alter angekommen. Fast noch ein Teenager war auch Robert Schumann, als er mit 19 Jahren sein erstes Klavier-Quartett, das »Klavierquartett in c-Moll«, geschrieben hat.


In der Rückschau fand er es wohl nicht gut genug, um es zu veröffentlichen, er sprach sogar von einem »verpfuschten« Quartett. Das aber hinderte Razvan Popovici und Diana Ketler, die musikalischen Leiter des Festivals, nicht daran, dieses noch sehr unreife Werk für sich zu entdecken, und dem Traunsteiner Publikum beim Eröffnungskonzert im großen Saal des Vereinshauses gemeinsam mit dem wie immer hervorragend spielenden Cellisten Bernhard Naoki und mit der wunderbaren Alina Pogostkina an der Violine vorzuspielen.

Das Schumannsche Quartett wirkt wie ein Sammelsurium verschiedener Einflüsse, nichtsdestotrotz ist der zukünftige Schumann schon herauszuhören und die Komposition keine Sekunde langweilig. Schroff und zart erklingt der erste Satz – das Quartett gibt sofort alles drein. Tänzerische und volkstümliche Elemente kennzeichnen den zweiten Satz, wobei die Musiker mit großer Spiellust jeden Winkel der Musik ausloten. Der dritte und letzte Satz endet mit einem tiefen Streicher-Grummeln und verrät bereits etwas über die künftige Richtung des Musikgenies. Das Publikum bedankte sich mit stürmischem Applaus für diese gelungene, hingebungsvolle Auslegung dieser Sturm-und-Drang-Komposition.

»Für uns ist es der schönste Satz der Kammermusik-Literatur« schwärmte Razvan Popovici, als er das Klavierquartett in Es-Dur, op. 47 von Robert Schumann ankündigte. »Hier können sie hören, wie Schumann besser geworden ist«, schmunzelte er verschmitzt. 13 Jahre liegen zwischen den beiden Kompositionen, jung war Schumann noch immer. Aber zwischen den beiden Quartetten liegen Welten.

Das männlich-energische und energievolle Klangbild schien ja schon im ersten Quartett des letzten Satzes kräftig durch und findet seinen Ausdruck nun vielstimmiger und eleganter in seinem »Zweiten«. Die Musiker ließen sich von dem Temperament der Komposition mitreißen und im zweiten Satz, dem Scherzo »Molto vivace«, rocken sie schon fast das Publikum im Auditorium, das übrigens über eine feine und ausgesprochen klare Akustik verfügt.

Nach soviel kraftstrotzender Musik folgte dann der berühmte dritte Satz. Das wunderbare, geheimnisvolle »Andante cantabile«, das ein musikalischer Paradiesgarten ist, in dem die Liebe das Zepter schwingt, schwebte auf goldenen Flügeln über den Köpfen der Zuhörer, ein vollendeter magischer Klang. Dreimal holte das Publikum die Musiker mit seinem enthusiastischen Applaus nach der Aufführung auf die Bühne.

Mit dem Klavierquintett in c-Moll, op. 42 von Louis Vierne (1870 bis 1932) begann ein ganz besonderer Teil des Konzerts. Ein tragisches Stück, so Popovici, ein dramatisches Werk, das der Komponist für seinen Sohn geschrieben hat, den er freiwillig in den ersten Weltkrieg geschickt hatte und der dann im Krieg gestorben ist. Das Stück schildere womöglich die Lebensreise der beiden Männer, so Popovicis Anmerkung. Die Sologeige, gespielt von Sergey Malov, eröffnete eindringlich den ersten Satz, und schwelgte mit großer Innigkeit und Glanz in jedem Ton. Alina Pogostkinas Geigenspiel korrespondierte mit ihrem ansteckenden Lächeln um die Wette und machte ihr Spiel jedes Mal noch strahlender. Justus Grimm am Violoncello wiederholte das Thema der Geigen mit feinem Pathos und legte genau die richtige Dosis Sentiment in sein aufrichtiges, emotionales Spiel.

Unheilschwanger und bedeutungsvoll vibrierte das Spiel von Razvan Popovici auf seiner Viola, der er tiefgründige Klangfarben gefühlvoll entlockte. Dazu klirrten im dritten Satz die Klavierseiten wie zerbrechendes Glas unter den Händen von Diana Ketler, um im nächsten Moment mit einem Klang von höchster poetischer Zartheit zu verführen. Schwere und Leichtigkeit wechselten sich in dieser fantastischen Komposition miteinander ab. Die Musik erzählte vom wilden Tanz des Lebens, von der Liebe, von dem Irrsinn des Krieges, vom Hoffen und Bangen und von der Dankbarkeit, trotz allem am Leben zu sein.

Heftiger Beifall belohnte die Musiker. Barbara Heigl