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Jenseits des Verstandes

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Die »Bayerische Rauhnacht« mit Schariwari traf voll den Geschmack des Publikums im großen k1-Saal in Traunreut. (Foto: Benekam)

Trockenes Buchenlaub, Schilfbuschen, schroffe Felsbrocken und knorrige Baumstümpfe – all das vor schwarzem Hintergrund, in unheimlich düsteres Zwielicht getaucht: Es ist die Zeit der Rauhnächte, auch im Traunreuter k1-Saal.


Das k1-Publikum scheint ein Faible fürs Mystische zu hegen, denn der große Saal war bis hinauf zur Galerie voll besetzt. Im Saal konnte man die freudige Anspannung vor dem Rauhnachts-Kult-Spektakel, dem Mystical »Bayerische Rauhnacht« mit Schariwari, spüren und als ein gellender Frauenschrei die Trommelfelle der Zuschauer attackierte, wuchs die erste Gänsehaut von den Haarwurzeln bis zum kleinen Zeh.

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Schon ging‘s los: Schaurige Perchten mit beeindruckenden Masken jagen und prügeln mit ihren Besen und Ketten ein spitzohriges weibliches Wesen vom hinteren Saalbereich durch die Reihen des Publikums nach vorn bis auf die Bühne hinauf. Dort wird das arme Ding weiter traktiert, bis es schließlich selbst dem wüsten Treiben ein Ende setzt: »Aufhören! Das tut ja weh«. So wehrlos ist die kleine Gestalt im weißen Tütü-Röckchen offenbar gar nicht. Und auf den Mund gefallen ist sie gleich zweimal nicht: Sie stellt sich als Zaubertroll vor und reicht dem Holzmandl auf der Bühne freundlich die Hand.

Ein Zaubertroll aus dem hohen Norden trifft auf seiner Wanderschaft das raubeinige alpenländische Holzmandl – nicht nur ein Dialekt-, sondern, ganz klar auch ein Kulturclash, aus dem sich das Ensemble um Regisseur und Autor Matthias von Stegmann reichlich mystisch-schaurig, aber auch zum Brüllen komisches Erzählfutter zieht. Das im Jahr 2004 mit dem Deutschen Rock- und Pop-Preis ausgezeichnete Mystical wurde im letzten Jahr nach zehnjähriger Pause in behutsam modernisierter Neuauflage wieder auf die Bühne gebracht. Manchmal verhält es sich ja mit Kult-Werken ähnlich wie mit Wein – sie werden nach einer Zeit der Reifung noch besser, geschmack- und gehaltvoller. So mag es sich mit der Bayerischen Rauhnacht verhalten. Wobei diese Welt der alpenländischen Sagen, Mythen und Legenden, in der Perchten, Hexen, Druden und Dämonen im Musiktheater-Format lebendig werden, besonders gut durch die großartigen Musikstücke und ihren Texten in bayerischem Dialekt ankommen.

Die den Musiktiteln vorausgeschickten Geschichten und Sagen liest das Holzmandl aus einem dicken Buch vor: Geschichten zum Fürchten und Schmunzeln, etwa vom Weibernarrischen Deifi, der vom Madl an der Nase herum geführt wird und sich selbst zur Weißwurscht verhext und dann vom Madl verspeist wird (»darum ham die Weiber den Deifi im Leib«), vom ver-wandlungsfähigen Druden, der sich in einen Strohhalm verwandelt und durch einen Türspalt zwängt, um einen Schlafenden zu erdrücken, von einer tanzenden Hexe, die der Troll »so hässlich wie ne Scholle auf Dogen empfindet« oder von verlorenen Seelen, die in verzweifelter Unruhe ihr nächtliches Unwesen treiben.

»In der Kraft der Fantasie liegt der Schlüssel zur Magie«, heißt es bei Schariwari, der Folkrockband aus Kirchseeon bei München. Spinnt man den Satz weiter, kommt man nach der gelungenen Rauhnacht-Show ergänzend zu dem Schluss, dass der Schlüssel des Erfolgs dieser Rauhnachts-Fantasie sicherlich auch in der guten musikalischen Umsetzung liegt: Gute Stimmen, noch bessere Texte und auch an den Instrumenten waren glanzvolle Leistungen zu beklatschen. Der Gruseleffekt wird durch gut gestaltete Licht- und Geräuschtechnik erzielt: Grollender Donner zu Blitzgewitter, Knarren und Knarzen aus der Dunkelheit, immer wieder aufsteigende Nebelschwaden (der Nebelmaschine) und dann erscheinen in hellem Spot in blauem, rotem, grünem oder grellweißem Licht die furchteinflößenden Masken mit langem Zottelhaar, Riesenzinken und klauenartigen Händen.

Unweigerlich dreht man sich um, denn diese Geräusche kommen aus allen Richtungen und vermitteln den Eindruck, das Böse im Nacken zu haben. »Jenseits des Verstandes, da schlummert eine Welt der Fantasie. Weckt sie auf, erfindet Geschichten und erzählt sie weiter!«, erklärt der Zaubertroll am Ende des zweistündigen Bühnenwerks. Zum Abschied nach einem langanhaltendem Applaus gab’s eine Zugabe, die so ganz von Herzen kam und zu deren Refrain es sich lustig pfeifen ließ. Und so pfiff ums k1 der kalte Rauhnachtwind und im k1 gefühlt das ganze Publikum zusammen mit den sichtbar zufriedenen Schariwari-Musikern um die Wette. Kirsten Benekam