Jenner-Plattform wider alle Widerstände

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Schönau: Jenner-Plattform wider alle Widerstände | Königssee
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Hier soll die Plattform gebaut werden. Im Tal soll dann ein Teil des Königssees zu erkennen sein. Menschen mit Behinderung könnten die Aussicht auch genießen, heißt es beim Nationalpark.

Schönau am Königssee – Für Zehntausende Jenner-Besucher pro Jahr ist der Blick auf den Königssee der Höhepunkt eines Besuchs am Schönauer Hausberg. Der Nationalpark Berchtesgaden will die Sicht auf den beliebten See nun auch Menschen mit Behinderung ermöglichen. Unterhalb des Gipfels plant der Park eine Aussichtsplattform in der Pflegezone.


Kritik kommt vom Bund Naturschutz: »Mit uns ist die Plattform so nicht machbar«, sagt Kreisvorsitzende Rita Poser. Die Verbauung am Jenner sei zum jetzigen Zeitpunkt bereits immens, die Baumaßnahme würde zudem im Balzgebiet des Birkhuhns liegen.

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Weit zurück reichen die Überlegungen einer Aussichtsplattform auf dem Jenner: Der Modell-Management-Plan des Nationalparks zum Thema Barrierefreiheit stammt aus dem Jahr 2006. Damals hieß der Nationalpark-Chef noch Dr. Michael Vogel. In der Planung von damals heißt es: »Woran es vor allem fehlt, ist die systematische Einbeziehung des Kriteriums Barrierefreiheit bei allen Planungen und Maßnahmen des Nationalparks.« Als Einzelmaßnahme wurde der Aussichtspunkt am Jenner schon 2006 aufgeführt.

Naturschützer stellen sich Verbauung entgegen

»Von der Bergstation der Jenner-Seilbahn ausgehend wird ein ebener Weg etwa 250 Meter Richtung Westen angelegt und mit einem Leitsystem versehen«, so lautete die damalige Kurzbeschreibung. Der Weg sollte an einem Aussichtspunkt enden. Denn mobilitätseingeschränkte Menschen sähen sich bislang einigen »Hürden gegenüber«. So führt bislang nur ein »unebener, stufenreicher, recht steiler Weg« zum Aussichtspunkt am Jennergipfel.

Für den Nationalpark ist die angedachte Plattform eine wichtige Ergänzung. Carolin Scheiter, Leiterin der Stabsstelle Kommunikation, schreibt in einer E-Mail: »Ziel solcher Maßnahmen ist es, auch Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ein einzigartiges Naturerlebnis im Nationalpark zu ermöglichen.«

Der Weg samt Aussichtspunkt, den der Nationalpark nun verwirklicht sehen will, liegt – entgegen anderslautender Aussagen – in der Pflegezone an der Außengrenze des Nationalparks in der Nähe der Jenner-Gipfelstation. Die Strecke führt von dort 180 Meter auf einem »größtenteils bestehenden Steig« in den Nationalpark hinein. Die letzten 80 Meter müssten wegen des barrierefreien Gefälles neu trassiert werden.

Baustraßen fügten Tieren nachhaltig Schaden zu

»Das ist absolut unberührtes Gelände«, weiß Rita Poser, Kreisvorsitzende des Bunds Naturschutz im Berchtesgadener Land. Der Neubau der Jennerbahn hat sie bereits viele Nerven gekostet. Wegen zu groß dimensionierter Bauten gingen die Naturschützer auf die Barrikaden. Auch die Balzzeit des Birkhuhns war für die BN-Mitglieder Anlass genug, zu prozessieren. Der Bau der Jennerbahn musste daraufhin pausiert werden.

Die Zwangspause kostete die Investoren viel Zeit und Geld. »Das Problem mit der Jennerbahn ist, dass die Erheblichkeitsschwelle für prioritäre Lebensräume überschritten wurde«, sagt die Bischofswieserin. Der Jenner sei inzwischen zu weiten Teilen verbaut, die Baustraßen von einst hätten den dort lebenden Tieren nachhaltig Schaden zugefügt: »Es geht nicht, dass man in diesen Lebensraum noch weiter eingreift«, so ihr Urteil.

Toni Wegscheider, Kreisvorsitzender des Landesverbands für Vogelschutz im Berchtesgadener Land, sagt, dass er aus Sicht des Naturschutzes nicht begeistert sei. Er gibt sich diplomatisch, auch, wenn er eine Gefahr für die Vogelwelt und das Birkhuhn erkennt. Man befinde sich in konstruktiven Gesprächen mit dem Nationalpark, so der freiberufliche Biologe, der selbst mehrere Jahre für den Nationalpark Berchtesgaden gearbeitet hat. Vor geraumer Zeit trafen sich alle Beteiligten auf dem Jenner, wo das ausführende Planungsbüro aus Marktschellenberg zwei Varianten für eine mögliche Umsetzung der Aussichtsplattform vorstellte.

Laut Nationalpark soll sich die rund 40 Quadratmeter große aufgeständerte Aussichtsplattform »harmonisch in die Landschaft einfügen«, zudem barrierefrei sein und damit die Zielsetzungen des Modell-Management-Planes aus dem Jahr 2006 einhalten.

Wenn Franz Moderegger, Vorstand der Berchtesgadener Bergbahn AG, über die neue Bahn und die Möglichkeiten am Jenner ins Schwärmen gerät, stehen die Fakten im Vordergrund. Größer und schneller ist sie geworden – 57 Millionen Euro hat sie gekostet. Die Besucherzahlen im ersten Jahr nach Fertigstellung sprechen für sich: Weit über 200.000 Gäste sind schon mit der Bahn gefahren. »Wir haben eine barrierefreie Bahn gebaut, und mit einer barrierefreien Aussichtsplattform können wir weiteren Gästen ein besonderes Bergerlebnis bieten«, sagt Moderegger.

Für die Jenner-Verantwortlichen ist der geplante Aussichtspunkt schlichtweg eine ins Konzept passende Ergänzung. Naturschutzrechtliche Aspekte könne Moderegger sowieso nicht beurteilen: »Dafür sind andere zuständig.« Er vertraue den Experten in der Nationalpark-Verwaltung, »dass sie das auch umsetzen dürfen«.

Peter Wörnle, ehemaliger stellvertretender Leiter des Nationalparks und Mitglied des Bunds Naturschutz, verortet den geplanten Bau in einem Bereich, der bislang durch Erschließung unberührt ist. Kritik übt er an der Art und Weise, wie »Naturschutz, Barrierefreiheit und Menschen mit Behinderungen gegeneinander ausgespielt werden«.

Nach Informationen der Heimatzeitung soll die Konzeption der Aussichtsplattform in Kürze den Behörden vorgelegt werden. »Die Naturschutzbehörden werden dann unter Beteiligung entsprechender Verbände den Antrag prüfen«, heißt es aus dem Nationalpark. Der Ausgang dieses Verfahrens ist offen.

Kilian Pfeiffer

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Die Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz, Rita Poser, findet,...