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Jeder ist irgendwie gefangen

Mit dem Stück »Besuchszeit« des Tiroler Autors Felix Mitterer hat sich das Theaterchen »O« für die aktuelle Spielzeit keine leichte Aufgabe gestellt. »Besuchszeit« ist keine Komödie, sondern ein sehr kritisches Stück und wird noch bis 15. November im Studiotheater des k1 gespielt. Vier in sich abgeschlossene Erzählungen führen die Zuschauer dabei ins Altenheim, ins Gefängnis, in die Psychiatrie, ins Krankenhaus und zeigen mitunter sehr kritisch auf, in welchem »Gefängnis« sich jeder einzelne befinden kann.

In »Weizen auf der Autobahn« spielen Daniela Friedrich als Tochter und Berta Berthold als Mutter, die in der Psychiatrie ist. (Foto: Mix)

Die Darsteller des Theaterchens »O« bewältigen dieses schwierige gesellschaftskritische Stück mit Bravour und erhielten bei der Premiere stehende Ovationen vom Publikum.

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Die Bühne ist beinah leer, in der Mitte steht ein großer Käfig, darin befinden sich nur ein Tisch und zwei Stühle, mehr braucht das Stück nicht. Regisseur Dieter Bommer hat das Bild des Käfigs bewusst gewählt, um die Gefangenheit der Figuren zu verdeutlichen. Denn nicht nur die offensichtlich »weggesperrten« Personen, sondern auch deren Besucher sind nicht frei, sind gefangen in Konventionen und eingeschränkt durch ihre Umwelt. Nicht nur die Personen in den Einrichtungen sind allein, auch ihre Besucher sind sehr einsam, obwohl sie »draußen« sind.

Leicht beklemmend ist auch das Drumherum. Denn zu Beginn jeder Geschichte gehen zwei Herren in schwarzen Anzügen, die während des gesamten Stückes kein Wort sagen und nur als »Aufpasser« fungieren, ins Publikum und holen die jeweiligen Darsteller gewaltsam auf die Bühne.

»Abstellgleis« heißt die Geschichte, in der eine junge Frau ihren Schwiegervater im Altenheim besucht. Elisabeth Brandmayr spielt beeindruckend die sichtlich genervte Schwiegertochter, die nur mit größtem Widerwillen den »Opa« besucht und eigentlich am liebsten gleich wieder weg will. Die ewig gleichen Geschichten des alten Mannes interessieren sie überhaupt nicht. Heinz Schmidt spielt den abgeschobenen Schwiegervater sehr bewegend und hat das Mitgefühl des Zuschauers sofort auf seiner Seite, wenn er vom »Fraß« im Altenheim erzählt und dass er viel schläft, weil »die uns ruhig stellen«. Nach und nach kommt beim Gespräch der beiden aber heraus, dass auch die Schwiegertochter gefangen ist in ihrer nur scheinbar heilen Welt.

In »Verbrecherin« kommt ein Mann ins Gefängnis zu seiner Frau. Laurentius Fischer tritt als empörter, wütender Ehemann auf, der im Laufe des Besuches große Gefühlsausbrüche, aber auch einen deutlichen Wandel seines Gemütszustandes durchlebt. Seine Frau wird gespielt von Brigitte Solder, die die verängstigte, gedemütigte Gefangene ebenfalls sehr überzeugend darstellt. Im Laufe des Besuches wird immer deutlicher, warum sie eines Abends auf ihren Mann eingestochen hat und dafür eine Strafe verbüßen muss. Sie fühlt sich im Gefängnis direkt frei gegenüber ihrer Zeit im Dienste des Mannes und der Familie, während ihr Mann nun unter ganz neuen Zwängen leidet.

»Weizen auf der Autobahn« heißt die dritte Geschichte, die in der Nervenheilanstalt spielt. Daniela Friedrich spielt sehr einfühlsam die fürsorgliche Tochter, die ihre Mutter in der Psychiatrie besuchen kommt und erst einmal nur ausgeschimpft wird. Als Mutter hat Berta Berthold nach längerer Pause wieder eine tragende Rolle in einem Stück und spielt auf einzigartige Art und Weise die verwirrte Frau, die gute Gründe für ihren Gemütszustand hat. Auch hier kommt erst nach und nach die ganze Wahrheit über die ehemalige Bäuerin ans Licht, der Tochter und Schwiegersohn ihren geliebten Hof wegnahmen. Die Tochter, die Mitleid mit ihrer Mutter hat und sie gerne aus der Anstalt wieder heimholen würde, kann auch nicht so, wie sie will. Zu sehr gefangen ist sie in ihrer Ehe und dem Willen ihres Mannes.

»Man versteht nichts« ist die letzte der vier Geschichten, in denen es um eine kranke Frau und ihren Mann geht. Kirsten Benekam ist die Gattin, die im Krankenhaus liegt und offenbar schwer krank ist, aber dennoch so schnell wie möglich nach Hause will, um ihren etwas unselbstständigen Mann zu unterstützen. Robert Schröder tritt als Ehemann auf, der einfach die ganze Welt nicht mehr versteht. Plötzlich soll er allein zurechtkommen, weil die Frau krank ist und zusätzlich steht er vor der Arbeitslosigkeit, weil seine Firma ihn nach 30 Jahren auf die Straße schickt.

Neben den Hauptdarstellern in den einzelnen Geschichten spielen Manuel Kosak, Dominik Baumgartner, Raphael Mühlthaler, Nina Benekam und Philipp Fischer mit. Die Besucher der Premiere waren sichtlich beeindruckt von dem sehr ergreifenden Stück und zollten den allesamt hervorragend spielenden Darstellern begeisterten Applaus. »Das ist wirklich eine ganz einzigartige Inszenierung«, meinte eine Besucherin.

Weitere Aufführungen sind am 6., 8., 9., 13., 14. und 15. November jeweils um 20 Uhr im Studiotheater des k1 sowie am 10. November um 16 Uhr. Pia Mix