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»It's just a jump to the left«

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Sweet Transvestites treiben im Salzburger Landestheater ihr Unwesen: Großer Premierenerfolg für Marco Dotts Inszenierung.

Im Salzburger Landestheater geht es dieser Tage gar seltsam zu. Rein äußerlich scheint ja alles an Ort und Stelle. Kassenschalter, Foyer, Garderobe samt Personal mit smartem Dauerlächeln, auch der Theatersaal mit seinem schmucken Interieur – alles wo‘s hingehört.


Aber das war auch schon alles, was den ordentlichen und kultivierten Theaterbesucher beruhigen konnte, der sich nicht vor seinem Kommen zur Premiere der The Rocky Horror Show eingehend mit dem Stoff beschäftigt hatte. Alle anderen dürfte der Schlag getroffen haben. Oder viel eher die High Heels am Ende der Netzstrumpfhosen der anderen. Diese wiederum waren nicht etwa in Knielänge vom Röckchen bedeckt, sondern reizten mit unkeuschem Bein von weiblichen Männlein oder männlichen Weiblein (?) und boten schamlos freie Aussicht auf das, was am anderen Ende lockt: Lackunterhöschen oder Röckchen samt Strapsen. Es gab aber auch jene, die ihre körperlichen Reize, etwas besser bedeckten, Theaterbesucher, die in »normaler« Abendgarderobe erschienen waren.

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Bevor es richtig heiß wurde, ging man lieber mal in die Werkeinführung. Vielleicht geht’s da etwas gesitteter zu? Fehlanzeige. Kaum hingesetzt, rauscht mit ohrenbetäubendem Getöse der »Störtrupp« (jener wilde Haufen, den man später in der Vorstellung als »Phantome« zu sehen bekam) hinein und leitet die Ahnungslosen im »Time Warp-Tanz« an: »It’s just a jump to the left« – Ein Entkommen war unmöglich, also mitmachen. Ist Kult, gehört genauso dazu wie Spritzpistolen, Knicklichter, Luftschlangen und Spielkarten zum Werfen, die man »all inclusive« in einer Mitmach-Fanbag erwerben kann. Das kann ja heiter werden und soll es auch. Das ist der Plan.

Als Richard O'Brien in den 1970ern in London das Musical »Rocky Horror Show« schrieb, wollte er sich damit eigentlich nur die Langeweile bis zu seinem nächsten Engagement vertreiben. Niemals hätte er sich erträumt, dass er mit seinem abgefahrenen Märchen für Erwachsene Musicalgeschichte schreiben sollte. Zwei Jahre nach der Theaterpremiere kam das skurrile Rockmusical in einer besonderen Filmfassung in die Kinos. Es folgte eine beispiellose Erfolgsgeschichte, in die sich das Ensemble des Salzburger Landestheaters nun in der Inszenierung von Marco Dott wild und ausgelassen »time-wrapend« einzureihen wusste.

Dazu hatte man nicht gegeizt, hatte tief in die Theatertrickkiste aus schrillen Kostümen, noch schrill-bunteren Perücken und stylischer Bühnenausstattung im amerikanischen Horror- und Science-Fiction-Flair mit Glamrock-, Pornografie- und Horrorfilmästhetik gegriffen (Bühne Christian Floeren, Kostüme Conny Lüders). Das Ensemble, in Top-Besetzung, zitterte am Premierenabend mit außerirdischer Freude der Feier auf dem Salzburger Planeten Transsexual entgegen und machte dem untoten Meisterwerk alle Ehre. Heiße Tanzszenen von hochmotivierten Tänzern (Choreografien von Josef Vesely und Kate Watson) brachten die Salzach sozusagen zum Kochen.

Aber auch gesanglich und darstellerisch passte einfach alles. In der Loge handelte sich Erzähler Axel Meinhardt die üblichen »Boring-Rufe« ein. Das »mussss« genauso sein wie das zischende »S« zu Janet Weiss' Namen oder das spontane Reinrufen und Kommentieren aus den Reihen des Publikums.

Die Story in Kurzform: Nach einer Reifenpanne geriet das frisch verlobte Paar Janet und Brad zu einem seltsamen Spukschloss, dem Ort des unerhört schamlosen Geschehens außerirdischer Machenschaften. Dort weilt der außerirdische Wissenschaftler Frank’n’- Furter (Benjamin Oeser) vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania mit seinen Gefährten und tüftelt gerade an seiner neuesten Erfindung: der Erschaffung eines muskelbepackten und allein zu seinem sexuellen Vergnügen entworfenen Menschen – Rocky (Sebastian Smulders).

Patrizia Unger und Martin Trippensee als Janet und Brad vollzogen gekonnt die Metamorphose von brav und verklemmt zu sexuell entflammt und enthemmt – von »Dammit, Janet!«, »There’s a Light« bis zu »Touch-a, Touch-a, Touch-a, Touch Me«. In aufregendem Schattenspiel ließen sie sich vom sexbesessenen Frank’n’Furter die Unschuld nehmen.

Wo es heiß her geht, da raucht es. Und das tat es in Dotts Inszenierung nicht zu knapp. Das Publikum musste nicht überredet werden, tanzte, zischte, lästerte »boring« und bespritzte sich in der Regenszene mit den Wasserpistolen. Benjamin Oeser überzeugte als größenwahnsinniger Dr. Furter – »Sweet Transvestite«, seine Untergebenen Riff-Raff (Marco Dott) und Magenta (Anja Clementi) feierten inbrünstig ihre Rollen, wie auch der ausrangierte Rocky-Vorgänger Eddy (Christoph Wieschke) und seine Zuckerschnecke Columbia (Sophie Mefan), die sich auch tänzerisch in Hochform zeigte.

Ausgiebig gefeiert wurde somit, last but not least erwähnt, die Diversität und das Selbstbewusstsein, das diese »Wesen« abseits der Norm für sich beanspruchen – und das mit befreiendem Vergnügen. Zu diesem trug, leider ungesehen, dafür aber umso besser gehört und für seine Glanzleistung gefeiert, die »Rocky Horror Salzburg Band« (musikalische Leitung Wolfgang Götz) bei. Karten gibt’s unter Salzburger Landestheater 0043 (0) 662 / 87 15 12 - 222 oder service@salzburger-landestheater.at.

Kirsten Benekam