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Irlingers Ikonen: Zwei Bischofswieser restaurieren alte Fahrzeuge

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Bischofswiesen: Sepp und Werner Irlinger restaurieren alte Fahrzeuge zu Ikonen
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Das erste Auto, das Sepp Irlinger umbaute, war dieser NSU Prinz. Der Flitzer hat nun 110 PS und einen Hubraum mit 1300 Kubikzentimeter. (Fotos: Lena Klein)

Bischofswiesen – Sepp und Werner Irlinger haben sie alle in der Garage stehen: einen Porsche 911 Turbo, einen Mercedes Benz 190 SL, einen NSU Prinz, einen Audi S 1 Quattro. Mit Letzterem ist auch schon Walter Röhrl bei einem Besuch gefahren. Immerhin ist der Audi eine Replika des Modells, mit welchem Röhrl das Rennen auf dem Pikes Peak im Jahr 1987 in spektakulären 10:47,850 Minuten für sich entschied. Ein Besuch in einer Bischofswieser Garage.


Die Familie Irlinger vom Naturhotel »Reissenlehen« hat erst vor Kurzem ihr neues Bettenhaus eingeweiht. Die Zimmer sind modern ausgestattet, Holz ist Hauptbaustoff. Schlichte Sofas reihen sich an individuelle Stehlampen aus Wurzelholz, an der Wand sind Leuchten aus Salzstein angebracht.

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Liebe steckt im Detail, das Logo des Hotels wurde beispielsweise mit einer CNC-Fräse in den Boden und in die Zimmertüren gefräst. Doch das neue Bettenhaus hat nicht nur hübsche Zimmer zu bieten:

Im Erdgeschoss befindet sich ein etwa 200 Quadratmeter großer Raum, der jedes Autoliebhaberherz höher schlagen lässt. Sepp und Sohn Werner sind Oldtimerfans mit dem Hang zum Selber-Hand-Anlegen. »Angefangen hat alles mit einem NSU Prinz«, erzählt Sepp Irlinger. Das war das erste Auto, das er erworben hat, um es selbst herzurichten. Irlinger hat Kfz-Mechaniker gelernt und schon damals Oldtimer restauriert und repariert. 19 Jahre lang war er bei den Amerikanern als Kfz-Inspektor tätig. »Als diese schließlich gingen, mussten wir uns etwas überlegen. Zunächst wollten wir nur eine Pension errichten, daraus wurde dann aber ein Hotel.«

Die Begeisterung für Autos blieb. Irlinger frisierte den Motor des NSU Prinz auf, 110 PS stecken nun in dem kleinen Flitzer. Serienmäßig gab es das Fahrzeug mit 65 PS. »Ich habe den Motor aufgebohrt und den Hubraum auf 1 300 Kubikzentimeter erweitert. Der Vergaser ist nun ein Einspritzer.« Auch das Fahrgestell hat er verändert. Der NSU Prinz ist Irlingers Lieblingsfahrzeug. »Wenn ich damit fahre, fühle ich mich gleich 30 Jahre jünger«, sagt der heute 72-Jährige und grinst.

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Die Familie Irlinger sammelt Oldtimer deutscher Hersteller. Was noch fehlt, ist ein BMW. Sepp Irlinger hält schon nach einem BMW 2002 Ausschau.

Das Auto ist im Gegensatz zu den meisten anderen Fahrzeugen in der Garage auf Saison angemeldet, denn für ein H-Kennzeichen reicht es noch nicht: Der Überrollkäfig ist noch keine 30 Jahre alt. »Das Projekt hat Spaß gemacht.« Danach kaufte Sepp Irlinger den Mercedes 190 SL und den Mercedes 250 SE. »Das hat erst mal gereicht.« Doch Irlingers Leidenschaft für die Oldtimer färbte auch auf seinen Sohn Werner ab. Heute stehen elf Fahrzeuge in der Garage, darunter auch ein Fendt-Bulldog und ein Motorrad. Zwei der Oldtimer stehen unter, sie gehören Bekannten.

Faible für deutsche Automarken

Die Irlingers haben sich auf deutsche Hersteller spezialisiert. »Es ist leichter, an Ersatzteile zu kommen.« Die Autos selbst stammen zum Teil aus Übersee. »Der Mercedes 250 SE kommt aus Kalifornien.« Kontakte und das Internet machten es möglich. »Dort gibt es keinen Schnee, die Autos haben deshalb auch keinen Rost.«

In der Garage stehen Audi, Porsche, Mercedes, VW, NSU – von BMW fehlt aber jede Spur. »Ich suche ja schon die ganze Zeit«, sagt Sepp Irlinger lachend. »Einen BMW hätte ich schon noch gerne.« Die Frage nach dem Modell ist fast überflüssig, ein BMW 2002 soll es sein. »Mir gefallen die Autos, wenn sie ein bisschen hergerichtet sind«, sagt er. »Das kann man mit dem SL oder dem 250er nicht machen, die muss man im Original lassen.«

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Werner Irlinger hat diesen Audi S 1 Quattro aufgebaut. Er entstand aus einem Audi 80 und einem Audi 80 Coupé Quattro. Eineinhalb Jahre tüftelte er zusammen mit seinem Vater an dem Wagen.

Das wohl aufwendigste Projekt startete Sohn Werner Irlinger aber, als er beschloss, den Audi S 1 Quattro nachzubauen, mit dem Walter Röhrl einst fuhr. »Am Anfang hatte ich Bedenken, denn so etwas macht schon viel Arbeit.« Der S 1 entstand aus zwei Autos: Das Vorderteil stammt von einem Audi 80, das Hinterteil von einem Audi 80 Coupé Quattro. »Wir mussten die Autos in der Mitte auseinandersägen und auch noch um 32 Zentimeter kürzen – denn so ist das Originalmaß. Dann haben wir die Teile wieder zusammengeschweißt.«

Selbst Sepp Irlinger zieht vor der Arbeit seines 50-jährigen Sohnes den Hut. »Werner ist gelernter Maurer und für so eine Arbeit muss man schon viel können.« Bis alles zusammenpasste und die Kotflügel und die Motorhaube aus Karbon angebracht waren, vergingen viele Monate. »Ich wundere mich ja heute noch, woher er all diese Teile bekommen hat.«

Eineinhalb Jahre schraubten, schweißten und sägten Vater und Sohn in jeder freien Minute in der eigenen Werkstatt mit Hebebühne, dann war es endlich so weit: Der Audi war fast fertig. Ein Spezialist kümmerte sich schließlich um den Motor und der Rennwagen erhielt eine Straßenzulassung. »An den Motor haben wir uns nicht getraut, denn wenn man da einen Fehler macht, ist es aus.« Eine besondere Auszeichnung erhielten die Irlingers dafür von der Rennfahrerlegende: »Walter Röhrl ist mit dem Wagen gefahren. Er sagte, dass das ein Nachbau ist, bei dem alles stimmt.«

Mit Walter Röhrl unterwegs

»Mir gefällt der Nachbau ja besser als das Original«, sagt Sepp Irlinger und fügt hinzu: »Damals haben das Fahrgestell und der Motor passen müssen, ob die Kotflügel genau stimmen, darauf hat man nicht so viel Wert gelegt.« Bei einer Testfahrt saß Werner Irlinger neben Walter Röhrl, zusammen ging es mit dem Audi nach Loipl. »Werner hat danach gesagt, dass er das nicht noch mal braucht«, erzählt Sepp Irlinger lachend. Auch er hatte bereits die Ehre, mit Walter Röhrl im Porsche am Roßfeld mitzufahren. »Ganz ehrlich: Ich bin im Sitz immer weiter nach unten gerutscht, irgendwann habe ich nur noch den Himmel gesehen. Das ist brutal, wie er fährt. Er kann es einfach. Eine lebende Legende.«

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Auch Walter Röhrl ist schon mit dem Rennwagen gefahren.

Die Oldtimer werden alle regelmäßig bewegt. Der VW Käfer kann sogar gemietet werden. »Damit können die meisten Menschen noch fahren, bei den anderen Modellen sieht das schon anders aus.« So richtet die Familie Irlinger den Mercedes 250 SE gerne für Hochzeitsfahrten her, allerdings fährt Sepp Irlinger das Auto dann als Chauffeur selbst.

Kunst für den guten Zweck

Die Garage zieren aber nicht nur die Oldtimer: An den Wänden sind zahlreiche Bilder angebracht, von Autos und Rennfahrern, von Männern wie James Dean und Frauen wie Marilyn Monroe oder Rosemarie Nitribitt. Letztere war eine Prostituierte, deren Mord nie aufgeklärt wurde. Zu Lebzeiten fuhr sie einen Mercedes Benz 190 SL. Auch ihre Geschichte erzählt Sepp Irlinger, wenn er Interessierte durch seine Garage führt. Die Kunst an den Wänden stammt zu einem Großteil aus Verkäufen, deren Erlös der Lebenshilfe Berchtesgadener Land zugutekommt. Die Pokale, die auf einem Regal über NSU Prinz und Käfer stehen, hat Kurt Zeller eingefahren. Er war von 1909 bis 1957 Rennfahrer und Inhaber des Eisenwerks »Annahütte«, bevor es später Max Aicher übernahm.

Wartung und Pflege

Die Oldtimer werden einmal im Jahr einer Inspektion unterzogen – dann wird auch das Öl gewechselt und der Luftdruck der Reifen überprüft. Hilfe benötigt Familie Irlinger dafür nicht. »Es hängt schon viel Arbeit dran.« Dennoch hat Sepp Irlinger auch andere Hobbys, denen er gerne nachgeht. Das Berggehen gehört dazu. Zwei- bis dreimal die Woche ist der 72-Jährige auf den heimischen Gipfeln unterwegs. Wenn er auf Gehen mal keine Lust hat, schnappt er sich das Mountainbike.

Privat fährt Irlinger im Übrigen einen Mercedes, ein Elektro-Smart steht auch auf dem Hof. »Den können sich unsere Gäste ausleihen.« Sepp Irlinger ist der neuen Technik gegenüber nicht abgeneigt, sieht aber auch noch Verbesserungsbedarf. »Die Ideen gibt es schon so lange, wenn man vor zehn Jahren damit angefangen hätte, stünde man besser da. Wir könnten schon viel weiter sein.«

Nun steht erst mal die kalte Jahreszeit vor der Tür, die Oldtimer halten Winterschlaf. Im nächsten Jahr will Sepp Irlinger dann nachholen, was 2020 nicht möglich war: Er will wieder beim Roßfeldrennen teilnehmen.

Lena Klein