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Interview: «Sie fühlen sich als Verlierer»

Berlin (dpa) - Nicht nur gekränkter Stolz und Wut über Gotteslästerungen sind nach Expertenmeinung Grund für die gewalttätigen Ausschreitungen in der islamischen Welt.

Proteste gegen Anti-Islam Film
Proteste in Pakistan: «Es ist wichtig, zu wissen: Es sind nicht alle Moslems, die sich so verletzt fühlen. Aber es gibt Gruppen, die fundamentalistisch und in ihrem Denken nicht tolerant genug sind" Foto: Rahat Dar Foto: dpa

Die Taten der vergangenen Tage zeigten die Enttäuschung über den Westen und die gesellschaftlichen Probleme in den zum Teil autoritären Staaten, sagt die Berliner Politikwissenschaftlerin und Deutsch-Ägypterin Hoda Salah.

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Warum reagieren einige Muslime so wahnsinnig verletzt auf Witze über den Propheten?

Salah: «Es wäre ganz falsch zu sagen, die Verärgerung hat nur mit der Religion zu tun. Es gibt einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen - die Debatte: Warum ist die arabische Welt unterentwickelt? Das führt manchmal zu Aggression. Viele Menschen in der arabischen Welt fühlen sich als Verlierer des globalen Wirtschaftssystems, wie ein Spielball des Westens. Wenn sie sich auf die Religion besinnen, wird ihre Überlegenheit wieder hergestellt. Im arabischen Bildungssystem lernen wir von Kindheit an: Es gibt rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen. Und dazu gehören auch Witze über Heilige im Allgemeinen.»

Wer sind denn die Angreifer und diejenigen, die auf die Provokation mit Gewalt antworten?

Salah: «Es ist wichtig, zu wissen: Es sind nicht alle Moslems, die sich so verletzt fühlen. Aber es gibt Gruppen, die fundamentalistisch und in ihrem Denken nicht tolerant genug sind - eine Minderheit. Wir haben leider ein schreckliches Bildungssystem, das sehr auf Gehorsam und Auswendiglernen beruht. Auf der anderen Seite sehe ich in dieser Gewaltbereitschaft Enttäuschung gegenüber dem Westen. Der Film zeigt Mohammed als psychisch verstörten Mann, der schizophren ist und der Stimmen hört. Dagegen wollen sie sich wehren. Es ist traurig, dass sie nicht unterscheiden können zwischen Regierungen und kleinen Spinnern, die einen so oberflächlichen Film machen. Aber viele distanzieren sich inzwischen öffentlich von der Gewalt.»

Warum eskaliert Gewalt in islamischen Ländern so oft nach den Freitagsgebeten?

Salah: «Am Freitag kann einfach eine große Masse an Menschen auf einmal mobilisiert werden. Die Gläubigen versammeln sich in den Moscheen. Es ist genau derselbe Tag, an dem die Menschen in der arabischen Welt aufgerufen waren, für Demokratie zu kämpfen. Und jetzt sind viele Menschen aufgerufen, ihre Empörung und Ablehnung zu zeigen, darüber, dass sich der Westen über sie lustig macht. Das macht mich traurig. Denn diese Politik der Angst vor dem Westen kann die autoritäre Staatsbildung nach der Revolution wieder stärken.»

Hoda Salah

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