weather-image
25°

Interessant – bezaubernd – gigantisch

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Die Pianistin Jasminka Stancul beim Largo des Beethoven-Konzerts. (Foto: Kaiser)

Mit einer aufwändigen Orchestermatinee endete der dritte Festspielwinter in Erl. Auch heuer bestand die Programmabfolge, wie im Vorjahr, aus Werken von Webern, Beethoven und Tchaikovsky.


Im Vorjahr war die Einstimmung die noch spätromantisch angefärbte Passacaglia op. 1 von Anton von Webern, heuer war es sein zweites Orchesterwerk, das nur ein Jahr später (1909) entstanden ist und in eine völlig neue musikalische Welt entführt. Jedes der »Sechs Stücke für großes Orchester« op. 6 dauert nur ein bis zwei Minuten, außer dem sehr blech- und schlagwerkbetonten vierten Stück. Die überkommene Tonalität spielt in diesem Werk keine Rolle mehr, Melodien, die sich entwickeln wollen, werden von brutalen Dissonanzen erledigt. Der »Trauermarsch«, das vierte Stück, endete nach sanftem Schlagwerkgemurmel in einem überdimensionalen Cluster des gesamten, wirklich großen Orchesters.

Nach diesem interessanten Werk, das ein teils verstörtes, teils aber sehr begeistertes Publikum fand, widmete sich die begnadete Pianistin Jasmika Stancul, die sich in Erl inzwischen einen Stammplatz erspielt hat, Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15; bereits in den vergangenen Wintersaisonen hat sie mit den Konzerten Nr. 5 und Nr. 3 ihren Beethovenzyklus begonnen. Mit einem unerhört behutsamen Einspiel der Streicher und dann dem Einsatz der Trompeten und Waldhörner machte das auf »Beethoven-Stärke« reduzierte Festspielorchester die Thematik des Allegro con brio klar, die Solistin am Fazioli-Konzertflügel griff spielerisch leicht und bei aller Präzision vollkommen locker diese Impulse auf.

Eine sehnsüchtige, im intensiven Zwiegespräch mit der Soloklarinette fast gebetshafte Melodie beherrschte das Largo. Überschäumendes Temperament legte Jasminka Stancul in das mozartische Allegro scherzando. Kräftige Akzente stützten die tänzerische Haltung dieses Rondos – mit begeisterndem Können ohne jegliche Show-Effekte machte es die Künstlerin zu einem Juwel. Sie wurde denn auch ausgesprochen stürmisch gefeiert. Mit einer »Toccata« von Ara Khachaturian als Zugabe bedankte sie sich virtuos.

Die Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64 von Peter Ilyich Tchaikovsky beendete wirkungsvoll das Konzert (ein Jahr zuvor war es die »Pathetique«). »Zu bunt, zu massig, unaufrichtig, zu laut« nennt der Komponist selbst seine Fünfte in einem Brief an Frau Nadieshda von Meck, seine Gönnerin. Das trifft wohl auf die ersten beiden und den Schlusssatz zu, wenngleich der Meister der Satzkunst und der orchestralen Effekte, der voller Einfälle und Melodien steckt (und das begründet wohl auch die ungebrochene Vorliebe für diese Sinfonie bis heute) hier effektvoll aus dem Vollen zu schöpfen weiß. Die »Valse« des 3. Satzes fiel mit ihrem lichten Hauptthema und einem lebhafter strukturierten Mittelteil freundlich aus dem Rahmen dieser dramatischen Sinfonie.

Gustav Kuhn dirigierte sein großes Orchester ohne Partitur schnörkellos und zwingend in klar strukturierten Sequenzen zu einer gigantischen Gesamtwirkung mit aufregender Klangfülle und magnetischen Steigerungen. Und doch: Tschaikovskys 5. Sinfonie konnte es an Nachhaltigkeit des Erlebnisses nicht entfernt mit Beethovens 1. Klavierkonzert aufnehmen. Engelbert Kaiser