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Intensive Blicke in Seelenlandschaften

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Immer ein besonderes Konzertambiente herrscht im Foyer von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf. Es spielten Thomas Reif, Johannes Erkes, Christoph Declara und Karel Bredenhorst.

Manche Klischees halten sich hartnäckig. Eines verwechselt die Musik von Franz Liszt mit aufdonnernder, lautstarker Virtuosität. Ein anderes hört in Brahms einen »Hoch-Romantiker«: samt Dauer-Vibrato und breitem Strich. Dabei wusste schon der Geiger Joseph Joachim, ein enger Weggefährte von Brahms, dass sein Freund stets auch um klassische Schlankheit rang. Beim Kammermusikfestival »Festivo« wurde mit beiden Klischees gründlich aufgeräumt.


Dafür standen ein Liszt-Rezital des Pianisten Dejan Lazic und ein Abend mit Kammermusik von Brahms im stilvollen Foyer von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf. Für den Brahms-Abend haben Christoph Declara (Klavier) und Thomas Reif (Violine) sowie Festivo-Leiter Johannes Erkes (Viola) und Karel Bredenhorst (Cello) zwei Meisterwerke ausgesucht: das Klaviertrio op. 8 und das Klavierquartett op. 25. Sie haben die Musiken zupackend wirken lassen und zugleich mit schlanker Transparenz ausdifferenziert. Das Ergebnis waren Hörkrimis allererster Güte. Ob orchestrale Klangfülle oder fragiler Lyrismus: Stets wurde der richtige Ton eingefangen, flexibel und agil. Dabei glänzten nicht zuletzt Declara und Reif: Auf diese Musiker darf die Region stolz sein. In Rosenheim groß geworden und von Festivo gefördert, erobern sie Schritt für Schritt die Musikwelt.

Dabei glänzte Declara mit uneitler Noblesse und kultivierter Stilsicherheit. Umso berührender erklang die stille Weise, mit dem das solistische Klavier das Adagio im Trio op. 8 einläutet: Mit stupendem Anschlag gelangen feinste Nuancen in der Dynamik. Ein echter Vollblut-Musiker ist auch Reif: Mit hellhörigem Feingespür dosierte er das Vibrato, um im Trio op. 8 mit Bredenhorst eine gänzlich homogene Streicher-Stimme zu kreieren.

Für Reif war das Konzert auch eine Art Feuerprobe, denn: Ab dem 28. August stellt er sich der Jury des ARD-Musikwettbewerbs in München. Im Quartett op. 25 trat schließlich Erkes hinzu: Sein untrügerisches Gespür für musikalische Dramaturgie entfachte vollends ein Feuerwerk. Zuvor hatte Lazic die Psychologie von Liszt mustergültig durchdrungen. Es war zugleich der erste Solo-Abend des Pianisten aus Kroatien bei Festivo. Endlich war im Konzert direkt erfahrbar, warum manche Musikforscher in Liszt eine frühe Vorwegnahme des Impressionismus hören. Das gilt gerade für das Stück »Les Jeux d’eaux à la Villa d’Este« aus dem dritten Band der »Années de Pèlerinage«: Hier reflektiert Liszt den berühmten Brunnengarten der Villa d’Este bei Rom. Lazic ließ einen reichen, subtilen Farbenzauber schimmern. Zudem glänzte sein Rezital mit einer programmatisch klugen Dramaturgie. Sie folgte dem jüngsten Liszt-Album von Lazic, das beim CD-Label »Onyx« erschienen ist. Eine Hör-Reise hat Lazic zusammengestellt, die viel über das Leben und Wirken von Liszt verrät. Mit der »Ungarischen Rhapsodie« reflektiert Liszt seine Kindheit. Besonders persönlich die Wagner-Paraphrasen: Wagner war mit Liszts Tochter Cosima verheiratet.

Mit seinen Klavier-Bearbeitungen von fremden Werken hat Liszt nicht zuletzt viele Werke in aller Welt bekannt gemacht: auch Franz Schubert oder das Mozart-Requiem. Selbst in scheinbar höchst extrovertierten Momenten ließ Lazic stets eine filigrane Klangpoesie durchschimmern. Lazic schaute hinter die Fassade: In seinem vielschichtigen Spiel schlossen sich stille Introversion und aufbrausendes Gemüt nicht aus. Marco Frei