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Ina Müller besingt Liebe und Laster

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Ina Müller
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Ina Müller hat mit «55» ein besonders persönliches Album vorgelegt. Foto: Sandra Ludewig/dpa Foto: dpa

Sie ist laut, ehrlich und nimmt kein Blatt vor dem Mund: Ina Müller veröffentlicht nach vierjähriger musikalischer Pause ihr neues Album »55«. Darauf zeigt sie sich so privat wie nie zuvor - und scheut auch vor kontroversen Themen nicht zurück.


Hamburg (dpa) - Wenn sich ihre Freunde und Bekannten nicht durchgesetzt hätten, Ina Müller hätte sich bei der Auswahl der Lieder für ihr neues Album »55« vermutlich selbst zensiert.

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So überraschend ehrlich, ungewohnt intim und in manchen Augen vielleicht sogar ein wenig kontrovers äußert sich die Entertainerin auf ihrer neuen Platte, in der sie tiefe Einblicke in ihre Gefühlswelt, ihre Vergangenheit und auch ihre größten Laster gibt.

Dass mit der Zahl »55« bereits zum dritten Mal das Alter der Künstlerin titelgebend für das Album geworden ist, zeichnet sich auch thematisch ab. Das »Älterwerden« zieht sich wie ein roter Faden durch die zwölf neuen Songs, die sich, wie von einer Klammer umspannt, vom »ersten (halben) Mal« der Jugend bis zum »Kampf gegen den Verfall« der Gegenwart erstrecken.

Dort angekommen verzichtet die 55-Jährige jedoch zum Glück darauf, mit Detox-Tipps, Wehmut oder Vanitas-Symbolik das Dahinschwinden ihrer Jugend zu beklagen. Stattdessen huldigt sie lieber ihrem inneren Schweinehund, dem sie mit dem Song »Laufen« ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Statt täglicher Runden läuft sie demnach lieber zum Kiosk um die Ecke, »Treppenlift statt Marathon« lautet die Devise, mit der es das Alter zu empfangen gilt.

Ein Bekenntnis mit Augenzwinkern, und doch, so versichert die Künstlerin, mit wahrem Kern. »Ich bin wirklich kein Healthy-Baby. Ich bin überhaupt kein Mensch, der mit diesen Gesundheitstrends mitfährt«, sagt sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Das wird auch im Song »Wie Heroin« deutlich, in dem sie ihre Lieblingsdroge - den Zucker - besingt. »Ich bin sehr süchtig danach. Vermutlich, weil ich nie den Mut hatte, andere Drogen zu nehmen«, erzählt sie.

Deutlich schwerer als das Bekenntnis zur Zuckersucht sei ihr hingegen die musikalische Aufarbeitung ihrer Nikotinabhängigkeit gefallen. Das Ergebnis findet sich in »Rauchen« wieder, ein Song, auf den die Sängerin ihrer Aussage nach »inhaltlich sehr stolz« ist, der es aber trotzdem um ein Haar nicht auf das Album geschafft hätte. »Ich hatte Angst vor Zuschriften von Leuten, die mir vorwerfen, ich würde das Rauchen an sich verharmlosen oder gar verherrlichen«, verrät sie.

Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld hätten sie jedoch darin bestärkt, den Song mit zu veröffentlichen. Zum Glück - denn was im ersten Moment wie eine Hommage an den Glimmstängel anmutet, entpuppt sich als gereifte, klug formulierte und kritisch distanzierte Rückschau auf ein Leben, das, wie jedes andere Leben, von Entscheidungen und Handlungen der Vergangenheit maßgeblich geprägt und beeinflusst wurde. »Das Lied will eigentlich nur sagen: mein Leben wäre ohne Rauchen anders verlaufen«, erklärt sie.

Bei einem anderen Song wurde es dann selbst für die sonst so ungeniert wirkende Sängerin fast schon ein wenig zu intim. In »Das erste halbe Mal« beschreibt sie eben jene Erfahrung, die sie im Alter von 17 Jahren gemacht hat, mit entwaffnender Ehrlichkeit - und scheut sich nicht, am Schluss festzustellen: »und mir tat's, wenn ich ehrlich bin, einfach nur weh!«. Eine Zeile, die wenig Interpretationsspielraum lässt. »Das war mir eigentlich schon eine Info zu viel«, beichtet sie lachend.

Doch auch auf ihr aktuelles Liebesleben nimmt die Frau, die seit 2011 mit dem 16 Jahre jüngeren Sänger Johannes Oerding liiert ist, in ungewohnter Form Bezug. Mit »Lass uns Leuten in die Wohnung gucken gehen« hat sie einen für ihre Verhältnisse nahezu euphorischen Liebessong geschrieben. Ohne Bruch, ohne Ironie kommt er daher, regelrecht untypisch für die im Kabarett groß gewordene Künstlerin. »Das ist so seriös, das halt ich ja selbst fast nicht aus«, sagt sie, und fügt stolz hinzu: »Das ist aber der beste Liebessong, den ich je geschrieben habe«.

Ob ihre Fans diese Einschätzung teilen werden, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch jetzt schon, dass Ina Müller mit »55« ihr bislang wohl persönlichstes Album geschaffen hat, das mit klugen Texten, die inhaltsleerer Plattitüden entbehren, eingängigen Melodien und einem gesunden Maß an Selbstironie aufwarten kann.

Ihr »55« klingt erwartungsgemäß nicht wie Mainstream-Radiopop, sondern eher wie ein äußerst melodischer, offener Brief, der humorvolle Antworten auf Fragen liefert, an die zu stellen man vielleicht nicht unbedingt gedacht hätte.

© dpa-infocom, dpa:201117-99-360028/5

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