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Im Schauspielhaus Salzburg ist das Stück »Dosenfleisch« von Ferdinand Schmalz zu sehen

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Alexandra Sagurna nutzt als Fernseh-Starlet Jayne ihre Chance zum Ausstieg und muss aufpassen, dass ihr niemand auf die Schliche kommt. (Foto: Gregor Hofstätter)

Mit dem Essen hat es Ferdinand Schmalz: »Am Beispiel der Butter« war sein preisgekröntes Debütstück, »Der Herzerlfresser« wurde jüngst in Leipzig uraufgeführt. Der Stücktitel »Dosenfleisch« wirkt kulinarisch deutlich weniger ansprechend. Es soll einem aber auch der Appetit vergehen dabei ...


Das Stück hat es nach seiner Uraufführung bei den Berliner Autorentagen binnen weniger Monate ins Burgtheater (Kasino) und jetzt auch ins Schauspielhaus Salzburg gebracht. Zur Zeit ist Schmalz erfolgsmäßig auf der Autoren-Autobahn in beängstigendem Tempo unterwegs, und er muss wohl aufpassen, dass es ihm nicht geht wie manchen Leuten in seinem Stück.

»Dosenfleisch« als Metapher für die Autofahrer

Dosenfleisch gibt’s nämlich nicht zum Essen in der Raststätte. Der Begriff steht als Metapher für die in ihren Karosserien eingeschlossenen Lebewesen. Genauer gesagt: Wenn Rolf, der Versicherungs-Mitarbeiter, sich mit ihnen beschäftigt, sind sie keine solchen mehr. Die tödlichen Unfälle häufen sich auffallend.

Deshalb also ist Rolf (Moritz Grabbe) länger in der Raststätte, als ihm lieb sein kann. Der Fernfahrer (Markus Marotte) ist so etwas wie der Erzähler. Auch er hat etwas abbekommen, wüst ist er hergerichtet, zum Zombie mutiert. »Mit einem dumpfen Knall«, hebt er an, sei der Falter an der Windschutzscheibe zerplatzt. Am Ende des Stücks werden nicht nur die Kollegen vom Tierschutz die Stirn runzeln, es geht Ferdinand Schmalz natürlich nicht um Insekten, sondern um den heutigen Menschen. Zu schnell ist er unterwegs, die Sinnhaftigkeit der Geschwindigkeit so zweifelhaft wie das Ankommen, wo auch immer: »Die Welt, die eilt, wie man ja selbst.«

Im Unfall, »da schürft die Wirklichkeit sich auf« – in die frischen Schürfwunden legt Ferdinand Schmalz den Finger.

Zwei Frauen gehen um in der Raststätte: Für die Sauberkeit und das Nachfüllen des Getränkeautomaten zuständig ist Beate (Susanne Wende) – das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat, musste der Autobahn weichen. Dies hat einen Seelenknacks nach sich gezogen: »Hier gilt das Gesetz der Straße, ich bin die Straße.«

Das Fernseh-Starlet Jayne (Alexandra Sagurna) war Unfallopfer und nutzte die Gelegenheit zum Ausstieg. Die Dame, deren Human-Karosserie bei dem Crash in der Hüftgegend etwas aus der Form gekommen ist, gilt seither offiziell als verschollen. Was die beiden Frauen so treiben? Rolf sollte in seiner Recherche jedenfalls rechtzeitig »ausgebremst« werden, weil »wenn der uns in die Spur gerät ...«

Viele Wortspiele mit dem Verkehr

Möglichkeiten zum Wortspielen eröffnen sich für Ferdinand Schmalz zuhauf: Verkehr, Fernverkehr, Individualverkehr, Verkehrsanbahnungen – da lässt sich schon was rausholen und übertünchen, dass hinter der Sprachverliebtheit nicht wenig Banalität steckt. Der Steirer Ferdinand Schmalz gehört in jene Gruppe junger Jelinek- und Werner-Schwab-Epigonen, die sich mit pingelig durchmodellierten Texten überdeutlich absetzen von jener anderen Radikalform heutigen Theaters, die auf Autoren pfeift und der eigenen (Ensemble-)Befindlichkeit absoluten Vorrang einräumt. Das ist wohl auch ihr Erfolgsrezept.

Eine Herausforderung allemal für die Schauspieler: In der Regie von Anne Simon, die das Bizarre genüsslich und mit Tempo zelebrieren lässt, entstehen deftige Typen. Mit dem vor Metaphern und Wortspielen schier berstenden Text kommen die vier bemerkenswert gut zurecht. Die Ausstatterin Isabel Graf hat sich Vorhänge aus schweren Eisenketten ausgedacht. Mit denen lässt sich furchterregend rasseln. Das passt auch insofern, als Schmalz’ Text im Grunde mehr vorgibt, als gedanklich dahinter steckt. Denn die Moral von der Geschicht': »Am Ende sind wir alle Unfälle, mehr nicht.«

Aufführungen bis zum 20. De-zember im Studio. Reinhard Kriechbaum