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»Im Dialog« auf spiritueller und sinnlicher Ebene

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Eines der Objekte von Doris Henle, Stoff auf Holz. (Foto: Giesen)

Zum sechsten Mal gibt es heuer die Ausstellung »Im Dialog« in der Alten Wache im Traunsteiner Rathaus, die bisher immer parallel zur Offenen Jahresausstellung des Kunstvereins stattfand.


Heuer gibt es keine Jahresausstellung, aber bis 19. November eine besonders reizvolle Ausstellung »Im Dialog« mit den beiden Künstlern John Schmitz aus Tacherting und Doris Henle aus Eichstätt. Die Idee zu der Ausstellungsreihe stammt von dem Künstler Helmut Mühlbacher: ein Künstler des Kunstvereins sollte einen anderen von außen einladen und im Rahmen einer Ausstellung mit ihm in einen künstlerischen Dialog treten. Auf irgendeine Weise sollten Überschneidungen in den Werken beider Künstler sichtbar werden.

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Auf den ersten Blick erscheinen die Exponate der beiden Künstler völlig unterschiedlich. Doris Henle, Jahrgang 1953, ist bildende Künstlerin und studierte Kunst an der privaten Kunstschule Faber-Castell-Akademie. Vergeblich sucht man in ihren Arbeiten nach herkömmlichen Normen ästhetischer Gesetzmäßigkeiten. Ihre bizarr anmutenden, kleineren Arbeiten bestehen oft aus Fundstücken, die sie mit anderen Objekten in einen neuen Zusammenhang stellt.

Ihre Arbeiten können wie Fetische oder geheimnisvolle Kultgegenstände wirken. Zum Beispiel das wie mumifiziert wirkende Etwas auf einer weiß gestrichenen Obstkiste. Manche ihrer Objekte, aus Wachs und Stoff gefertigt, sind stark farbig, wobei die Künstlerin nur echte, reine Pigmente verwendet. Doris Henles Arbeiten tragen keine Titel, die dem Betrachter das Verständnis erleichtern könnten. »Meine Arbeiten finden mich« sagt Doris Henle. Es ist, als sei sie inspiriert von einer höheren Kraft. So lässt sie dem Betrachter jede Freiheit zur Interpretation. »Ihre haptisch reizvollen, oft morbid anmutenden Arbeiten entziehen sich einer rationalen Analyse. Sie bleiben verschlüsselt und scheinen zwischen Auflösung und Neuentstehen zu oszillieren«, sagte der Erste Vorsitzende des Kunstvereins Traunstein, Herbert Stahl, bei der Vernissage in seiner einfühlsamen, kunsthistorisch fundierten Einführungsrede.

Die wichtigste Inspirationsquelle ist auch für John Schmitz, Jahrgang 1969, nicht der Intellekt, sondern die Hingabe und die Versenkung. Er zeigt vier Tafeln mit je 64 kleinen, quadratischen Arbeiten, die jeweils zu einem über zwei Meter großen Quadrat angeordnet sind. Bei John Schmitz steht der sehr zeitaufwändige Vorgang des Malprozesses im Vordergrund, die rituelle Wiederholung. Seine Bilder ähneln seismografischen Aufzeichnungen. Er gestaltet aus der liegenden Acht, dem gängigen Symbol für die Unendlichkeit, ganze Bildgewebe. Auffallend ist es, dass obwohl immer das gleiche Zeichen im gleichen Format verwendet wurde, jedes der 64 Bilder ganz unterschiedlich ist, abhängig von der Tagesform, von Papierbeschaffenheit, Menge der Tusche oder Stärke des Auftrags. Es offenbaren sich linienartige Strukturen, die in unterschiedlichen Grauwerten eine Art An- und Abschwellen aufzeigen. Der Künstler sieht sich bei seiner Arbeit auch mit einer philosophischen, literarischen Ebene verbunden. Fasziniert ist er von Stefan Zweigs tiefgründiger »Schachnovelle«, bei der das Schachbrett mit seinen 64 Feldern eine entscheidende Rolle spielt.

Zum ersten Mal zeigt John Schmitz in der Alten Wache auch eine schwarze Tafel mit 64, mit schwarzer Tusche eingefärbten Papieren, auf die mit einem Bleistift gemalt, die Linien mit der liegenden Acht erst beim genauen Hinsehen zu erkennen sind. Neu entstanden ist auch die Tafel mit 64 Aquarellen in den unterschiedlichsten, feinen Braunnuancen. Der Künstler stellte dafür die Farbe selbst aus Asche, Wasser und Bindemittel her.

»Wir treffen uns auf einer spirituellen Ebene und einer extremen Sinnlichkeit in feinsten Nuancen«, sagt John Schmitz auf die Frage nach dem Dialogansatz der beiden Künstler. Die Arbeiten von Doris Henle weisen nach seinen Worten aber durch ihre starke Farbigkeit zusätzlich eine erotische Komponente auf, wohingegen seine Arbeiten wirken könnten, als lebe er wie ein Mönch. Gut möglich ist es, dass der sensible Betrachter beim Vergleich der Werke beider Künstler noch weitere Aspekte findet, die zu einem Dialog führen können.

Die Ausstellung in der Alten Wache ist bis Samstag, 19. No-vember, täglich von 14 bis 18  Uhr geöffnet. Ein Künstlergespräch findet am letzten Tag, Samstag, 19. November, um 16 Uhr statt. Christiane Giesen

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