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Im Berg auf den Berg

»Das ist heute eine einmalige, einzigartige Sache«, beschwört Standortleiter Franz Lenz die Gruppe, die er zusammen mit seinen Kollegen Sepp Keilhofer, Leiter der zentralen Instandhaltung, und Hans Neumayer, Leiter des Grubenbetriebs, am Stolleneingang Frauenreuth-Moserrösche in Empfang nimmt. Vom Weihnachtsschützenplatz, an der Christuskirche vorbei und über den Soleleitungssteg waren sie herübergekommen. Angeführt von Bergführer Kurt Becker. »Dieser Steg ist die Trasse der berühmtesten Soleleitung, die Georg von Reichenbach geplant hat und die 1817 eröffnet wurde«, erklärte ihnen der Standortleiter.

»Das Markante waren die Höhenunterschiede, die mit Pumpen, den sogenannten Solehebemaschinen, überwunden werden mussten.« 356 Meter zum Söldenköpfl in der Ramsau ging es hinauf, und 29 Kilometer übers Wachterl nach Bad Reichenhall. Erst 1961 ist die heutige Leitung von Berchtesgaden über die Rabenwand und den Hallthurmer Berg nach Bad Reichenhall entstanden. Pro Tag werden dort 2 500 Kubikmeter Sole gefördert, das entspricht 2,5 Millionen Litern und rund 900 Tonnen Salz.

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»Berchtesgaden ist dominiert vom Salz. Unser Alleinstellungsmerkmal sind nicht Bäume, Berge und Wasser, es ist der Salzabbau«, so Lenz, und das sei der Grund, warum er diese ganz spezielle Tour fürs Wanderfestival vorgeschlagen habe. »Ihr habt heute das Glück und könnt im Berg auf den Berg gehen.«

Umgeben von Ruhe und Fels

Aufgeteilt in Gruppen führen die drei Bergmänner die Festivalteilnehmer hinein in die Dunkelheit. Dorthin, wo sonst keiner darf. Grubenbetriebsleiter Hans Neumayer übernimmt das erste Dutzend Besucher und drückt erst einmal jedem einen Helm in die Hand. Die Gänge unter Tage sind nämlich niedrig, Licht kommt nur spärlich aus den Stirnlampen und der Boden ist rutschig. So manch Wanderer sollte im Laufe der nächsten Stunde froh über den Kopfschutz sein. Ein paar Meter hinter dem Eingang in den Frauenbergstollen liegt ein Platz, an dem Hans Neumayer besonders gerne ist: Fünf Strecken gehen dort weg und alles ist mit Kälbersteiner Marmor gewölbeartig ausgebaut worden. Auf einer Tafel hat man die Namen und die Bergnummern der Männer festgehalten, die das Kunstwerk zwischen 1830 und 1850 erschaffen haben.

Nummern tragen die Bergler heute noch. »Wenn ich in der Früh um sechs Uhr meine Leute einteile, werden nur die Nummern verlesen, dann kennt sich jeder aus.« Neumayer selbst hat die Nummer 2210. Jeder Tag unter Tage beginnt im Bergwerk seit 500 Jahren mit dem gemeinsamen Beten. »Das haben's bei uns schon immer, das hat sich nie aufgehört«, sagt der Grubenleiter. Seit 40 Jahren arbeitet er im Salzabbau, so wie einst sein Vater und zuvor sein Großvater. In sechs Monaten darf Hans Neumayer in den Ruhestand gehen.

Das Gangsystem mit seinen 30 Kilometern kennt der 58-jährige Berchtesgadener aus dem Stegreif. »Das wäre schlecht, wenn ich mich nicht auskennen würde«, schmunzelt der Bergmann. In den Altgruben, durch die er seine Gruppe leitet, wird zwar kein Salz mehr abgebaut, trotzdem werden sie für die Sauerstoffzirkulation und die Wassergewinnung benötigt. Dunkel ist es im Berg und angenehm ruhig. Die Temperatur liegt das ganze Jahr konstant bei circa 12 Grad. Es geht stetig leicht bergauf. Im Schein des schummrigen Lichtes muss man sich konzentrieren, um nicht auszurutschen. Immer wieder bleibt Hans Neumayer stehen und zeigt seinen Gästen wunderschöne Farbabstufungen des Salzes. Die Salzlagerstätte ist vor 250 Millionen Jahren an der nordafrikanischen Küste entstanden. Während der Auffaltung der Alpen vor 60 Millionen Jahren wurde der Salzstock durchmischt, über- und unterschoben.

Ob es gemeinsame Gänge mit den Österreichern gäbe, will eine Teilnehmerin wissen. »Die sind höher oben und weiter hinten, da sind es noch ein paar Kilometer hin. Wobei unsere Zukunft im Osten liegt, wo die Grenzen unserer Lagerstätten noch nicht bekannt sind.« Durch die Salinenkonvention und die Einigung »Holz gegen Salz« dürfen die Nachbarn bis heute Salz auf bayerischem Gebiet abbauen, dafür dürfen die Bayern im Pinzgau die Saalforste bewirtschaften. Eine Verbindung mit den Österreichern bestehe durch die Grubenwehren. »Da sind wir zur Hilfeleistung verpflichtet«, sagt Neumayer, der selbstverständlich selbst Mitglied des Hilfetrupps ist.

Am Anfang ist es ein kleines Bohrloch

Es geht um Kurven, über Kreuzungen und immer wieder durch Holztüren. »Im heutigen Tiefbau ist alles rechtwinklig aufgefahren, weil man den Fels durch Bohrungen erkundet hat. Das war früher natürlich nicht möglich, man ist einfach der Nase nach gefahren und hat Abbaue angelegt. Deswegen ist in den alten Strecken, Stollen und Schächten alles kurvig und schräg«, weiß Neumayer. »Und wenn man an ausgelaugte Zonen gekommen ist, ist man manchmal trotzdem durchgefahren, in der Hoffnung, dahinter wieder auf Salz zu stoßen.« Traf man statt auf Salz auf Kalkstein, musste schnell gehandelt werden. Wasser ist zwar einerseits der größte Freund der hiesigen Bergleute, weil es ihnen hilft, das Salz aus dem Gebirge zu lösen. Gleichzeitig ist es ihr größter Feind, denn wenn es unkontrolliert läuft, fängt es sofort an, den Berg auszuhöhlen.

Heute gibt es vier große Wasserreviere, die zwar eine Verbindung zum Bergwerk haben aber außerhalb der Lagerstätten liegen. »Daraus beziehen wir unser ganzes Ankehrwasser, das wir für unseren Sinkwerksbau brauchen. Der Rest wird in die Ache abgeleitet. Das ist reinstes Quellwasser. Es verursacht keinen Umweltschaden und ist auch nicht salzhaltig, weil es nie Kontakt zum Salz hatte.«

Am Riemhofer Schurf geht es zum Schluss der Wanderung noch ordentlich bergauf. 150 steile Stufen und nach einer kurzen Pause dann noch mal 498. Den Zwischenstopp nutzt Hans Neumayer, um seiner Gruppe Begriffe und Abbaumethode zu erklären: Bewegt man sich in der Ebene, ist man auf einer Strecke, schräg wandert man durch den Schurf und alles was senkrecht ist, ist ein Schacht. »Nass war der Salzabbau bei uns schon immer. Aber damit das funktioniert, braucht es einen Anfangshohlraum, wo man Wasser einleiten kann und die Erstellung dieses Hohlraums hat sich in den letzten 500 Jahren mehrmals geändert.« Seit 1975 gibt es ein Bohrspülwerk, bei dem ein Loch von 67 Zentimetern Durchmesser 125 Meter tief gebohrt, jeden Tag 15 Meter mit Wasser gefüllt und am nächsten Tag mit Luftdruck wieder ausgespült wird - samt des unlöslichen Materials, das sich am Boden abgesetzt hat. So entsteht langsam ein trichterförmiger Hohlraum, der dann auf Schachthöhe erweitert wird.

Nach der teilweise sehr engen letzten Stufenpassage gelangt Hans Neumayer mit seiner Gruppe wieder zurück ans Tageslicht. Es dauert ein bisschen, bis sich die Augen an die Helligkeit gewöhnt haben. Zum Abschluss gibt's für jeden noch Brot und Salz und zum Gruß ein »Glück auf«. kb