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»Ich bin zu dem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind«

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Der Ausblick auf das Hagengebirge ist immer wieder schön. Rechts der Schneibstein.

Schönau am Königssee – 50 Mal hat Elisabeth Rasp in den vergangenen beiden Jahren das Leben von zwei Menschen nachhaltig verändert. »Ja, ich will«, hörte sie 100 Mal. Die Dritte Bürgermeisterin von Schönau am Königssee darf Paare trauen, und das seit 20. Oktober 2018. Seit Juni 2019 können Verliebte den Bund fürs Leben auch auf der Jenner-Bergstation eingehen. Bei so einer Trauung, abgehalten von Rasp, durfte der »Berchtesgadener Anzeiger« dabei sein. Die Schönauerin berichtete im Anschluss, wie sie zu dieser Aufgabe kam, wann auch sie als Profi ein Tränchen verdrücken muss und wie Paare auf schlechtes Wetter reagieren.


Drei Paare stehen an diesem Tag auf der Liste von Elisabeth Rasp. Die 68-Jährige hat sich schick gemacht und rückt bei der Bergfahrt in der Jennerbahn-Gondel noch ihre Dirndlgwand-Schürze zurecht. Das Trauungszimmer befindet sich in der »Jenneralm« im ersten Stock. Bei Ankunft der Standesbeamten wartet schon ein nervöses Brautpaar. Braut und Bräutigam haben sich für eine Trauung entschieden, bei der nur die beiden (nebst »Anzeiger« und Elisabeth Rasp) anwesend sind. Keine Musik, keine Trauzeugen. Durch die Fensterfront strahlen die Farben der Berchtesgadener Berge, das Hohe Brett, die Hohen Roßfelder und das restliche Hagengebirge. Ein Traum.

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Die richtigen Worte für Braut und Bräutigam

Noch schnell die Ringe ausgepackt und auf den Tisch gelegt, die große weiße Kerze auf dem Tisch angezündet und schon geht's los. Der Bräutigam hat seine wunderschöne Braut fest im Blick, er lächelt, sie wirkt noch angespannt. Elisabeth Rasp versteht es, bei ihrer Rede über die Liebe ruhig und langsam zu sprechen. Zuvor erkundigt sie sich bei dem Paar, das aus Frankfurt kommt und bulgarische Wurzeln hat, ob es die Schönauerin auch gut versteht. Dies wird bejaht. An manchen Stellen ihrer Rede schauen sich Braut und Bräutigam gleichzeitig schnell an, grinsen. Die 68-Jährige muss wohl das Richtige gesagt haben.

Nach dem »emotionalen« Teil folgt das Notwendige. Daten auf Richtigkeit prüfen, unterschreiben. Wer wem zuerst den Ring ansteckt, überlässt Rasp den Liebenden. Zum Schluss sagt die Bürgermeisterin leise: »Ich glaube, ein Kuss ist fällig.« Und Braut und Bräutigam werden zu Ehefrau und Ehemann.

Trauungen »von Frau zu Frau« und mit Hunden

Ohne Musik dauert diese Trauung 20 Minuten. Aber das variiert, so die Eheschließungsbeamtin. Danach gibt es aber immer eine Flasche Sekt für das Paar und die besten Wünsche. Im Jahr 2018 hat sie ihre Tätigkeit aufgenommen und insgesamt vier Paare getraut. 2019 waren es insgesamt 24 und in diesem Jahr bis jetzt schon 22. Auch eine Eheschließung »von Frau zu Frau« durfte Rasp vor wenigen Wochen vornehmen. Bei einer anderen Feier waren »fast mehr Hunde als Menschen« dabei, erzählt die Schönauerin und lacht.

Geplant war es nicht, dass sie diese Tätigkeit macht. »Ich bin zu dem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind.« Diesen Satz muss sie erklären. Demnach hatte sich Bürgermeister Hannes Rasp gewünscht, dass auch in Schönau am Königssee Trauungen stattfinden können. Das Trauungszimmer, das im Zuge des Rathaus-Umbaus in Unterstein eingerichtet wurde, ging am 19. Oktober 2018 »in Betrieb«. »Ich habe aber von Anfang an gesagt: Ich mache keine Standesbeamtin«, erzählt Rasp mit überzeugtem Ton. Dafür hatte es zwei Gründe gegeben: »Erstens: Ich bin zu alt. Und zweitens: Ich bin dafür zu nah am Wasser gebaut.« Schließlich kam es zur Einigung, dass sie nur dann eine Trauung übernimmt, wenn der erste Bürgermeister Hannes Rasp und der zweite, Richard Lenz, keine Zeit haben.

Es folgte ein Eheschließungsseminar, an dem die Schönauerin und Lenz gemeinsam teilnahmen. Danach war es der zweite Bürgermeister, der diese Aufgabe nicht übernehmen wollte. »Also habe ich mir einfach die Trauungen mit Hannes Rasp aufgeteilt«, so Elisabeth Rasp, die noch auf ihrem Platz am Trauungstisch sitzt. In Kürze kommt nämlich das letzte der drei Paare, die an diesem Tag ihr gemeinsames Leben beginnen wollen. Das erste hat sie schon morgens in den Bund der Ehe geschickt.

Trauung von Bekannten »emotional anstrengend«

Bis jetzt verläuft der Tag ohne wässrige Augen bei der Bürgermeisterin. Das kann aber auch anders sein: »Es war spannend: Das erste Paar, das ich damals 2018 trauen durfte, waren Einheimische. Ich war ja Lehrerin und kannte den Bräutigam von der Schule her.« Es sei zwar schön, wenn sie Paare traut, die sie kenne. »Aber das ist emotional anstrengend. Danach bin ich vollkommen fertig.«

Bei Gästen, und das sind die Brautpaare am Jenner meistens, sei dies einfacher. Auch die Rede ist dann meist allgemeiner gehalten. »Bei Einheimischen überarbeite ich meine Ansprache enorm«, verrät Rasp. Einen Satz, den sie aber sehr gerne verwendet, hat sie von dem Leiter des Eheschließungsseminars übernommen: »Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Ehe so gestalten können, wie Sie beide es sich vorstellen.« Generell gelte: In der Kürze liegt die Würze. Eine weitere Inspiration ist ein Buch mit dem Titel: »Die 100 besten Traureden für Standesbeamte.« Das Gerüst der Rede sei aber immer das gleiche. »Manchmal verändere ich etwas, wenn ich – wie heute Morgen – merke, dass die Braut schwanger ist. Oder wenn Kinder dabei sind. Oder wenn es bereits die dritte Ehe ist«, sagt die 68-Jährige mit einem Schmunzeln.

Live-Übertragung nach Finnland und ins Erzgebirge

In ihrem Job erlebt sie aber immer wieder etwas Neues. Vor allem in Corona-Zeiten, in denen die Obergrenze an Gästen im Jenner-Trauungszimmer bei zehn Personen liegt. »So hatte ich schon eine Trauung mit Video-Live-Übertragung, und zwar ins Erzgebirge und nach Finnland.« Denn die Kinder des Paares waren zu dieser Zeit in Finnland und die 90-jährige Oma im Erzgebirge. Dank der Technik konnten alle beim großen Tag am Jenner dabei sein. »Die Übertragung habe ich total ausgeblendet«, schildert Rasp. Erst beim Applaus sei es ihr wieder bewusst geworden, dass sie gefilmt wird. Apropos Applaus: Den erntet die Schönauerin öfter für ihre Ansprachen, wie sie widerwillig zugibt.

Seminarraum mit Traum-Ausblick

Wer das Zimmer in der »Jenneralm« noch nicht kennt, der ist womöglich beim ersten Anblick nicht so begeistert. Für Liebhaber moderner Einrichtungen ist es allerdings perfekt. Denn es handelt sich um einen Seminarraum, mit Waschbecken, Kühlschrank und sehr schlichter Einrichtung. Auch der flache Bildschirm hinter der Standesbeamtin erinnert eher an eine Büro-Konferenz als an den romantischsten Tag im Leben.

Umso wichtiger erscheint die große Fensterfront mit dem Ausblick. Aber was tun, wenn Regen und Nebel diesen trüben? Gab es schon enttäuschte Gesichter? Elisabeth Rasp schüttelt den Kopf. »Nein, weil die Menschen unseren Ort vorher schon kannten. Sie kennen die Aussicht. Sonst würden sie sich ja nicht hier trauen lassen.« Paare kommen laut der Schönauerin hierher, weil sie sich mit den Bergen verbunden fühlen. Oder weil sie ihren Heiratsantrag auf dem Berg erhalten haben.

Besonders schön findet sie selbst Trauungen mit Musik, so die Eheschließungsbevollmächtigte. Am Jenner gibt es die Möglichkeit, Lieder abzuspielen. »Das war damals mein persönlicher Wunsch«, betont Rasp. Nun können Paare entweder ihre eigenen Lieder mitbringen oder aber zwischen 15 modernen und 15 bayerischen Titeln auswählen.

Trauungszimmer am Berg und im Tal ausgebucht

Was den Infektionsschutz betrifft, so sei erwähnt, dass zwischen der Standesbeamtin und dem Brautpaar zwei Meter Abstand eingehalten werden. Und trotz aller Umstände durch die Corona-Pandemie ist die Obergrenze von Trauungen in der Gemeinde Schönau am Königssee – im Tal und auf dem Berg – bereits erreicht. Übrigens: Die Raummiete des Trauungszimmers auf dem Jenner kostet pro Trauung 500 Euro. Dazu kommen die Kosten des Standesamts, die von der Gemeinde Schönau am Königssee erhoben werden.

Elisabeth Rasp sortiert noch einmal ihre Dokumente, bevor das nächste Brautpaar kommt. Es sind wieder Gäste von außerhalb. Selbst wirkt sie cool und ruhig, aber das müsse man auch sein: »Man muss sich zamreißen können«, weiß die Expertin. Hat sie trotzdem schon mal ein Tränchen verdrückt? »Nur bei ganz guten Bekannten. Dann schwankt vielleicht auch mal die Stimme.« Aber normalerweise müsse man sich im Griff haben, sagt der Profi. Man lerne auch, dem Brautpaar direkt in die Augen zu schauen und dennoch die Emotionen nicht zu übernehmen. Sie selbst ist schon seit 42 Jahren verheiratet.

Annabelle Voss