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Hyperaktiver Radiowahn

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Multitalent André Hartmann: Stimmimitator, Mime, Musiker, Komponist, Radiomoderator und Entertainer. (Foto: Benekam)

André Hartmann hat seinen Zuhörern mit seinem Musikkabarett »Radio aktiv« im gut besuchten k1-Studio gezeigt, dass Hören – genauer Radiohören – kein passiver Vorgang sein muss: Das k1-Studio war von dem smarten Musikkabarettisten in ein Sendestudio umfunktioniert worden, in dem sein Publikum zu Live-Gästen einer Radiosendung wurde.


Moderator Hartmann checkte an einem fiktiven Bildschirm die hypergalaktisch hohe Einschaltquote und heizte im Studio die Stimmung auf. Was sich da abspielte, war live, somit im Ablauf größtenteils unvorhersehbar und aktives Mittun der Gäste war Voraussetzung zum Gelingen des Mitmach-Musik-Kabaretts. Ein spannendes, wenn auch risikoreiches Unterfangen. Auch wenn jedem klar war, dass es keine Übertragung nach außen gab, kam diese »Sendung« anfangs mehr als schleppend in Gang – passiv ist ja doch einfacher.

Im k1-Sendestudio zierte sich das Publikum. Auch als Hartmann explizit die Gäste in der ersten Reihe aufforderte, anzurufen, entstand verhaltenes Schweigen und peinliche Stille. Eine brillante Idee, die dem Pianisten und Wortakrobaten, die exakt richtige Spannung für seine geniale Show lieferte: räuspern, kichern, sich umdrehen, ob sich nicht doch jemand erbarmt den sympathischen Bühnenmenschen endlich zu erlösen. Der aber, ganz profihaft, ließ sich nicht beirren, intensivierte seine Ansage und übte sachte Druck aus: »Was sollen die Leute da draußen über Traunreut denken?« – bis sich schließlich eine Dame, wenn auch zaghaft, ausgerechnet einen türkischen Marsch wünschte.

Das Eis war gebrochen und Hartmann tat, was er am besten kann: auf Zuruf ein Lied oder eine Melodie ohne Noten in meisterhaftem Klaviervorspiel präsentieren. Und das in allen denk- und undenkbaren Variationen quer durch die Musikgenres des vergangenen Jahrhunderts. Der türkische Marsch schallte in Variationen Mozarts, Chopins oder als Walzer von Strauß durchs Studio und versetzte das Auditorium in einen Zustand verblüffter Verwirrung. Mal hörte man deutlich Mozarts Komposition, dann schwenkte die Melodie gekonnt auf einer Note um und mutierte zum Marsch, um sich dann wieder den Chopin'schen Klängen unterzuordnen.

Die Studiogäste waren nun doch aktiv und ließen sich immer weniger bitten – manchmal waren sogar mehrere Zuhörer gleichzeitig in der Leitung und konkurrierten um den Vortritt. Zwar gab es außer einer Tasse, die sie nie zu sehen bekamen, nichts zu gewinnen, dafür aber massenweise gute Musik.

Hartmann ist nicht nur sensationell auf den Tasten seines Flügels, sondern auch als Stimmimitator mit entsprechenden mimisch-gestischen Talenten ein echter Renner: Ob Merkels Hand- und Kopfhaltung, Jogi Löws zischenden Laut zu Beginn eines neuen Satzes oder Inge Meysels von schlecht haftender Zahnprothese verursachten Schmatzlaute beim Sprechen – da passte einfach alles, sodass sich die immer aktiver gewordenen Zuhörer von einem Lachkrampf zum nächsten hangelten.

Schließlich ging Hartmann hinsichtlich der regen Nachfrage an Musikwünschen dazu über, bis zu drei Hörerwünsche gleichzeitig zu erfüllen. Chers »Shoop Shoop Song« im Zusammenklang mit Helene Fischers »Atemlos« und Hildegard Knefs »Für dich soll's rote Rosen regnen« – alles in einem Aufwasch und noch dazu in unterschiedlichen Sprachen vorgetragen.

Ein in jeder Hinsicht gelungener Abend. Die Gäste waren am Ende direkt hyperaktiv und erklatschten sich unzählige Zugaben. Auch Hartmann, so hatte man den Eindruck, wollte nicht wirklich gehen. Aber mit »Mr. Sandman«, »Probier's mal mit Gemütlichkeit« und einem Blick auf die Uhr kochte die gute Stimmung langsam runter. Eine angenehme Beschallung, Antistressprogramm und ohne Risiko, sich einen Tinnitus zuzuziehen. Kirsten Benekam