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Hintergrund: Die neue Kandidaten-Lage in der SPD

Berlin (dpa) - Man müsse den Spannungsbogen erhalten, um die öffentliche Neugier anzustacheln - so wurde kürzlich in der SPD-Führung das zögerliche Vorgehen bei der Lösung der «K-Frage» begründet. Seitdem sich die jetzige SPD-Troika vor fast einem Jahr formierte, ist das Kalkül bei der Kandidaten-Kür einigermaßen aufgegangen. Fest entschlossen gibt sich das Trio, nicht vor Anfang 2013 weißen Rauch aufsteigen zu lassen. Derjenige mit den besten Aussichten, Kanzler zu werden, solle es machen, so lautet die Abmachung. Durch den Wahltriumph von Hannelore Kraft in NRW könnte dies jetzt aber noch durcheinander geraten. Die Ausgangslage im Kandidatenrennen, Stand Mai 2012:

SIGMAR GABRIEL (50): Wenn er partout will, wird ihn niemand stoppen. Als Parteichef hat Gabriel das erste Zugriffsrecht. Seine Bilanz kann sich sehen lassen: Seit Gabriels Amtsantritt konnte die SPD in allen zwölf Wahlen in den Ländern ihre Ministerpräsidenten-Posten verteidigen, neue hinzugewinnen und sich ansonsten überall die Regierungsbeteiligung sichern. Ferner spricht für Gabriel seine gerade für Wahlkämpfe auf Marktplätzen gefragte Rednergabe. Negativ zu Buche schlagen dagegen seine Sprunghaftigkeit und eher bescheidene Umfragewerte. Auch Anhänger trauen ihm nicht so recht zu, den Kampf gegen die Amtsinhaberin Angela Merkel zu gewinnen.

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PEER STEINBRÜCK (65): Über mangelnde Popularitätswerte kann sich der Senior des Trios nicht beklagen. Der Ex-Finanzminister hat bis tief hinein ins konservative bürgerliche Kreise Anhänger. Doch nach dem Geschmack vieler in der SPD ist Steinbrück in seiner Paraderolle als neuer Weltökonom einfach zu neoliberal. Dass nach Helmut Schmidt nun auch der andere sozialdemokratische Altkanzler Gerhard Schröder Steinbrück zum Lieblingskandidaten ausgerufen hat, dürften dessen Aussichten in der SPD kaum steigern.

FRANK-WALTER STEINMEIER (56): Dem Kanzlerkandidaten von 2009 hängt immer noch das 23-Prozent-Debakel nach. Der jetzige Bundestags-Fraktionschef hat jedoch nicht nur rhetorisch dazugelernt. Seine Schlappe in der Fraktion kürzlich bei der Abstimmung über den Somalia-Einsatz war ein Warnschuss, gegenüber Schwarz-Gelb künftig weniger nachgiebig aufzutreten. Doch auch erstaunlich viele SPD-Linke setzen offen auf Steinmeier - teilweise auch nur, um Steinbrück so zu verhindern. In der Partei wird kolportiert, dass auch Kraft als neue «Königsmacherin» Präferenzen für Steinmeier zu erkennen gegeben hat. Ihm wird am ehesten auch das Zustandekommen einer Ampel mit der FDP zugetraut, falls es für Rot-Grün allein 2013 nicht reicht.

HANNELORE KRAFT (50): Trotz beinharter Dementis könnte der neue SPD-Star vielleicht doch noch in die Aufgabe des (weiblichen) «Weißen Ritters» gedrängt werden - also in die Rolle der praktisch aus dem Nichts auftauchenden Heldin, die das bedrängte eigene Lager mit Bravour zum Erfolg führt. Ob sie will oder nicht - seit Sonntag ist sie zumindest vorerst so etwas wie die gefühlte Kanzlerkandidatin. Zwar zweifelt niemand daran, dass Kraft es ernst meint, auf jeden Fall in NRW zu bleiben. Doch sollte das SPD-Männertrio von sich aus verzichten, könnten sich aus Berlin Bittprozessionen in Richtung Düsseldorf in Bewegung setzen - mit dem Ziel, Kraft noch umzustimmen. Einem solchen Ruf könnte sich die Chefin des mächtigsten SPD-Landesverbandes letztlich kaum entziehen.