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Hinter den Spiegelungen der Wirklichkeit

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Ausstellungsbesucherinnen vor der Märtyrerstatue des Heiligen Sebastian aus dem Bestand des Spielzeug- und Stadtmuseums (17. Jh.) und einer Fotografie der deutsch-syrischen Künstlerin Adidal Abou-Chamat. (Foto: Effner)

Mehr denn je prägen heute Bilder und Bildwelten unser Bewusstsein. Fluten von Bildern ergießen sich täglich über die verschiedensten Medien und Kanäle über uns. Zuweilen tut es gut, innezuhalten und sich Gedanken zu machen, was da eigentlich mit uns, unserem Denken, den Gefühlen, Werten und inneren Haltungen passiert. Und wie vor allem im kollektiven Unterbewusstsein abgespeicherte Bilder uns prägen und manipulieren.


Eine gute Gelegenheit, mit eigenen Vorstellungen und Wahrnehmungsmustern zu experimentieren, bietet eine aktuelle Ausstellung im Traunsteiner Spielzeug- und Stadtmuseum. Sie wird in Zusammenarbeit mit der Städtischen Galerie veranstaltet. Unter dem Titel »Versehrtsein. Gegenwart und Vergangenheit im Dialog« treten historische Museums-Exponate in eine spannende Wechselbeziehung mit Gegenwartskunst und ermöglichen ungewöhnliche Blickwinkel. Die Themen Werte, Heilserwartungen und Bewusstsein sowie die Brüchigkeit menschlicher Existenz werden auf tiefsinnige und mitunter verstörende, aber auch humorvolle und skurrile Weise hinterfragt. Die Ausstellung ist Teil des bayernweiten Kunstfestivals »kunst & gesund«.

Der Besucher ist erstaunt, auf wie kleinem Raum hier durch erstklassige Auswahl von Künstlern und Objekten sowie ein durchdachtes Gesamtkonzept Felder mit unterschiedlichen Beziehungsebenen eröffnet werden. Fotografie, Malerei, Objektarrangements, Skulpturen, Videoprojektion und Installa-tion zeigen die Vielfalt der Arbeiten.

Grenzbereich zwischen Fläche und Raum

Im Grenzbereich zwischen Fläche und Raum experimentiert die Münchnerin Brigitte Schwacke mit Drahtgebilden, die wie virtuose Zeichnungen entmaterialisiert in der Luft zu schweben scheinen. Naturwissenschaftlich korrekt dargestellt, greift sie in »Brainstorming« die wesentlichen Partien des Gehirns auf, lässt die formgebenden Linien aber wie Nervenbahnen oder Antennen in den Raum ausschwingen und signalisiert damit Kommunikation und Kontaktaufnahme. Ein ganz anderes Interesse am Gehirn offenbart eine Radierung aus dem Mu-seumsbestand von 1528: Bei der Schädelöffnung mit einem Bohrgerät geht es vor allem um die Erkenntnisfrage, ob die Kopfschmerzen von einem Tumor herrühren.

Den Bedeutungswandel, den der Begriff des »Märtyrertods« in der Gegenwart erfahren hat, wird an anderer Stelle deutlich. Die vom Stadtbrand 1851 angekokelte Holzfigur des Heiligen Sebastian aus dem Museum verweist auf frühchristliche Märtyrer, die wegen ihrer Heil- und Vorbildwirkung in der katholischen Kirche verehrt werden. In krassem Gegensatz dazu überzieht die höchst problematische Märtyrer-Ideologie des Islamischen Staats mit ihrer fehlgeleiteten Vorbildwirkung die Welt heute mit Terror. Auf die damit verbundenen Folterexzesse und You-Tube-Propagandavideos spielt die deutsch-syrische Künstlerin Adidal Abou-Chamat mit dem Foto eines tätowierten Mannes an, das erst im Detailblick mit seiner Aussage sprichwörtlich unter die Haut geht.

»Gefakte« Bilderrätsel

An kuriose Gegenstände aus den Wunderkammern weitgereister Renaissancefürsten erinnern die Objektarrangements des Chiemgauer Künstlers WTH Regensburger. Aus verschiedenen Bereichen der Alltagswelt stammend, gewinnen sie künstlerisch verfremdet und kultisch aufgeladen als »gefakte« Bilderrätsel von existentieller Tragweite neue Bedeutung. So greift Regensburger in der »letzten Ölung« doppeldeutig die problematische Ölförder-praxis in Afrika auf. Archaische Wucht entwickeln der »Puppensuizid« und ein quasi »sprechender« Schädel, dessen Mund Spruchbänder mit zum Thema passenden Texten entströmen. Dass sich hinter Händen aus süßer Schokolade Gräuel aus der belgischen Kolonialzeit verbergen können, macht eine geschickt bearbeitete Süßigkeitenpackung deutlich. Votivhände und andere Organe aus Wachs aus der Sammlung des Museums verweisen dagegen als Kultobjekt, Bitt-, Dank- und Sühnemotiv auf jahr-hundertealte Wallfahrtstraditionen.

Anspielungsreiche Entdeckungen offenbaren in der Ausstellung ergänzend auch Werke von Judith Egger, Monika Müller-Leibl, Günther Schuhböck und Claudia Weber. Nicht zuletzt zeigt die Schau Dokumente vom Wirken des letzten approbierten Baders in Traunstein.

Die Ausstellung »Versehrtsein« läuft bis zum 10. Juni. Das Spielzeug- und Stadtmuseum ist geöffnet Dienstag bis Samstag von 10 bis 15 Uhr sowie sonntags von 10 bis 16 Uhr. Geführte Ausstellungsrundgänge mit beteiligten KünstlerInnen gibt es am 8. Mai um 11 Uhr, am 26. Mai um 11 Uhr und am 10. Juni um 15 Uhr. Auf Anfrage unter Telefon 0861/164319 werden für Gruppen und Schulklassen Rundgänge angeboten. Axel Effner