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Heimische Seniorenheime brauchen dringend mehr Personal

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War das Pflegepersonal schon vor Corona knapp, so stellt die Pandemie Heimleitungen wie Pflegekräfte vor eine gewaltige zusätzliche Herausforderung. Noch gibt es kaum Besuchsverbote, aber das könnte sich schnell ändern. Foto: dpa

Landkreis Traunstein – Die Corona-Infektionszahlen steigen rasant. Seniorenheime können bei Bedarf Besuchsverbote verhängen. Das Traunsteiner Tagblatt hat sich umgehört – wie wird das gehandhabt? Wie könnte man Bewohner noch besser schützen? Was wünscht man sich von der Politik? Zumindest in den befragten Heimen gibt es bisher keine Besuchsverbote. Aber das könnte sich schnell ändern.


Dankbar, dass beide Heime der Diakonie – auf der Wartberghöhe und in Inzell – seit der ersten Welle coronafrei sind, ist deren Leiter Kurt Schmoll. Als Schlüssel dafür sieht er vor allem die enorme Motivation der Mitarbeiter, die sich persönlich dafür einsetzten, die Bewohner zu schützen. »Die Hygieneregeln werden hier im Haus, aber auch im privaten Bereich stringent befolgt«, so Schmoll. »Aber einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht.«

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Regelungen sind »ein Drahtseilakt«

Ein Besuchsverbot gebe es bislang nicht; nur eingeschränkte Besuchszeiten von 10 bis 16 Uhr, die man aber wohl weiter einschränken werde müssen angesichts der Zahlen. »Aber das ist ein Drahtseilakt.« Wichtig sei es, die Angehörigen zu sensibilisieren, wie bedeutend es ist, auch im Zimmer die Maske auf zu lassen, Hände zu desinfizieren, den Abstand einzuhalten.

Die Zusammenarbeit mit den Hausärzten der Bewohner funktioniere hervorragend. »Unsere Bewohner sind in der Regel zwischen 80 und 100 Jahre alt und pflegebedürftig, bis auf wenige Ausnahmen«, sagt Schmoll. Aber man nehme niemandem die Freiheit.

Selbstverständlich dürften sie raus in den Hof, die zwei, drei besonders mobilen Bewohner können zweimal die Woche mit dem Bus in die Stadt fahren. »Aber die wissen, welche Verantwortung sie für das ganze Haus haben und halten sich strikt an die Hygieneregeln.« Für die anderen gebe es Betreuungskräfte, die sie einzeln besuchen. »Vereinsamen muss hier niemand.«

Hätte Schmoll einen Wunsch an die Politik frei, so wäre das die Reform der Finanzierung der Seniorenhilfe. »Wir hatten immer wieder Reförmchen, aber immer noch müssen die, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut haben, am Ende für das Pflegeheim ihr ganzes Erspartes aufbrauchen.« Für alles andere sei Geld da, aber nicht für Senioren und Pflegekräfte. »Dazu wäre es vor allem wichtig, dass man mit und nicht über die Pflege redet. Die wissen, wo's brennt.«

In Siegsdorf können Besucher das Haus nach telefonischer Anmeldung von 10 bis 17 Uhr betreten, wenn sie aus keinem Risikogebiet kommen, kein Fieber oder sonstige Symptome einer ansteckenden Erkrankung haben, eine Mund-Nasen-Maske tragen, die Hände desinfizieren, stets einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten und berücksichtigen, dass nur ein Besucher pro Bewohner pro Tag auf dem Gelände gestattet ist. »Das nehmen die Angehörigen und die Besucher ganz gut an. Schwieriger war es, als wir ganz zu hatten«, sagt die Leiterin des Heims, Monika Sandbichler.

Die Besucher seien sehr besonnen. Trotzdem müsse man das Ganze »auf Sicht« fahren. »Wenn sich etwas ändert, müssen wir schnell reagieren.« Dabei fänden Besuche soweit möglich draußen statt an der frischen Luft. »Das geht natürlich nicht bei allen. Palliativpatienten können wir nicht einfach vor die Tür schieben.«

Videokonferenz als Ideenschmiede

Um die besten Ideen aus den Seniorenheimen der Region zu nutzen, habe das Gesundheitsamt erst vor Kurzem wieder eine Videokonferenz organisiert. »Aber die Gegebenheiten sind in den Häusern zum Teil sehr unterschiedlich, allein baulicher Art«, so Sandbichler. Um möglichst schnell reagieren zu können, setze man auf Teststrategien. Dabei habe man zurzeit noch keine Schnelltests, »aber die sind in der Pipeline«.

Befragt nach einem Wunsch an die Politik sagt auch sie: »Wir brauchen endlich mehr Personal in der Pflege. Unsere Mitarbeiter arbeiten alle dauerhaft am Limit, das geht auf Dauer nicht.« Eine Anregung wäre es, dass das Gesundheitsministerium den Pflegepool wieder starte, aus dem man im Notfall schnell Personal rekrutieren könnte.

Auch im Kreisaltenheim Grabenstätt kann man unter bestimmten Bedingungen Angehörige besuchen. Besucher müssen telefonisch einen Termin vereinbaren. Besucher werden am Eingang abgeholt. Sie müssen eine Maske tragen und den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten.

»Besuche bei Bewohnern im Einzelzimmer sind möglich, für Besucher von Bewohnern in Doppelzimmern sind zwei Besuchsräume geschaffen worden. Nach jedem Besuch werden im Anschluss alle Kontaktflächen desinfiziert«, erklärt Geschäftsleiter Markus Mayr. Jede Einrichtung halte ein mit Gesundheitsamt und Heimaufsicht abgestimmtes Hygiene- und Schutzkonzept vor – auch für den Fall der Fälle. Zudem gebe es einen Pandemiebeauftragten, der im Kontakt zu den Ämtern stehe. »Er übermittelt Neuigkeiten und Änderungen im Hinblick auf Testung und dergleichen«, so Mayr.

»Wir sind sehr froh, dass sich alle Besucher und Mitarbeiter an die Regeln halten«, zeigt sich Mayr erleichtert. Allen sei die Bedeutung des Schutzes der Bewohner bewusst. Froh sei er auch um den Beschluss der Bundesregierung, regelmäßig zu testen. Denn eine frühzeitige Identifikation positiv getesteter Personen sei wichtig für eine Pflegeeinrichtung. »Ein anderer Weg ist derzeit leider nicht möglich. Wir hoffen sehr, dass sich die Infektionszahlen stabilisieren«, so Mayr weiter, und dass sich Bewohner wie Mitarbeiter auf diese neue »Normalität« einstellen.

Es gibt einen umfassenden Beschäftigungsplan

Auf die Frage, was das Heim gegen Einsamkeit tun kann, sagt Mayr: »Wir haben einen umfassenden Beschäftigungsplan.« So würden in Kleingruppen von drei bis sechs Personen Beschäftigungen geboten wie Tagesrunden, Bewegungsübungen, Gedächtnistraining, Erinnerungsarbeit, Geburtstage, Sturzprophylaxen, Tischspiele, Gottesdienste, Hundetherapie oder Klinikclowns. »Wir versuchen, die Gemeinschaft im Wohnbereich zu fördern –- natürlich unter Einhaltung der Hygienerichtlinien«.

Einig ist er sich mit seinen Kollegen bei der Frage nach Wünschen an die Landes- oder Bundespolitik: »Der zentrale Punkt ist und bleibt: Wir brauchen Personalressourcen in der Pflege, um die auch künftig auf uns zukommenden Aufgaben bewerkstelligen zu können.« coho