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»Hänsel und Gretel« instrumental und vokal interpretiert

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Man könnte meinen, dass die Märchenoper von Engelbert Humperdinck – ein deutscher Spätromantiker, der von 1854 bis 1921 lebte – eigentlich nur ein Thema für Kinder ist. Ja, die Geschichte ist dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm entlehnt und Humperdinck hat in der Komposition auch Zitate von Volksliedern oder die drei Kinderlieder »Ein Männlein steht im Walde«, »Suse, liebe Suse« und »Schwesterlein, hüt dich fein« unverändert verwendet.


Viele weitere Melodien aus der Oper wie etwa »Brüderchen, komm tanz mit mir« oder der »Abendsegen« wurden erst später zu Volksliedern. Wenn man aber weiß, dass Humperdinck ein großer Verehrer von Richard Wagner war und seine Werke kompositorisch und in der Instrumentation seinem großen Vorbild folgen, wird man schnell gewahr, dass der musikalische Anspruch etwas für Erwachsene ist. Dass dies vielleicht nicht alle Musikbegeisterten so realisiert haben, zeigte sich an diesem Abend an dem doch eher mäßigen Besuch des Konzerts im Kurgastzentrum Bad Reichenhall, welches im Rahmen des »Musiksommers zwischen Inn und Salzach« organisiert worden war.

Eigentlich schade, denn sowohl die Bad Reichenhaller Philharmonie unter Leitung von Felix Spreng wie die Gesangssolisten und der Tölzer Knabenchor verstanden es excellent, die abwechslungsreichen Themen der Oper zu transportieren, die Zuhörer zum Schmunzeln oder zum Nachdenken zu bringen, wunderbare romantische Musik, wie etwa beim »Abendsegen« oder dem »Engelreigen« erklingen zu lassen oder dramatische Szenen, so, als Hänsel und Gretel die Hexe in den Ofen schieben, vokal und instrumental, dramaturgisch gesteigert, wirkungsvoll auszudrücken und der hohen Kompositionskunst Humperdincks gerecht zu werden. Die Geschichte des gleichnamigen Märchens erzählt der Komponist in drei Akten. Der erste Akt mit dem Titel »Daheim« beginnt mit einem ruhigen Hornsolo und beschreibt textlich und konzertant die Not der ärmlichen Besenbinderfamilie, die Hunger leiden muss.

Im zweiten Akt »Im Wald« wird einerseits die Freude Hänsel und Gretels über die vielen Beeren, die sie gefunden haben ausgedrückt, gleichzeitig aber die unheimliche, befremdliche Stimmung beschrieben, als die Nacht hereinbricht und das Sandmännchen schließlich die beiden einschlafen lässt, bewacht von 14 Engeln.

Im dritten Akt stehen der Kampf zwischen der Hexe und den Kindern, die Rettung Hänsels vor dem Ofen, die Vernichtung der Hexe, die Rettung der Lebkuchenkinder und die glückliche Vereinigung der Besenbinderfamilie im Mittelpunkt des Geschehens, musikalisch in einem vielfältig klingenden Spannungsbogen interpretiert. Als Solisten schlüpften die Mezzosopranistin Sonja Bühling aus Rosenheim und die Sopranistin Anja Schwarze-Janka aus Wasserburg am Inn in die Rollen von Hänsel und Gretel. Beide überzeugten nicht nur mit einer wunderbaren, glockenklaren, über alle Stimmlagen homogen ausgeprägten, voluminösen Stimme, sondern auch durch ihre ausdrucksstarke Gestik und Mimik. Ein Genuss war es auch, sie etwa beim Lied »Abends wenn ich schlafen geh« im Duett singen zu hören.

Bariton Andreas Agler, ein gebürtiger Landshuter, füllte die Figur des Besenbinders Peter mit kräftiger Stimme wirkungsvoll aus, an seiner Seite die Sopranistin Barbara Baier, geboren in Murnau am Staffelsee, die mit ihrer gut ausgebildeten, prägnanten Sopranstimme, engagiert in die Rolle von Gertrud, dem Weib des Besenbinders, schlüpfte. Mit ihrer jugendlich frischen, feinen Stimme streute Maria Heinzl aus Pfaffenhofen Hänsel und Gretel sanft und gefühlvoll Sand in die Augen. Sie aus dem Schlaf zurück zu holen war schließlich Aufgabe des »Taumännchens« Anna Fichtl aus Prien am Chiemsee, die mit ihrer tragenden, filigran ausgeprägten Sopranstimme die beiden am nächsten Morgen sanft aus dem Schlaf holte.

Einen schwierigen Part hatte zweifelsohne die Altistin Gertraud Wiesböck aus Rohrdorf in der Rolle als »Knusperhexe« zu singen. Sie musste gesanglich oder im Sprechgesang das Kunststück vollbringen, im Wechsel lieblich, böse, bezirzend, ätzend, hinterlistig und gnadenlos zu klingen und sich gleichzeitig gegenüber dem Orchester durchzusetzen. Schließlich rundeten die Buben des Tölzer Knabenchores unter Leitung von Ralf Ludewig als »Lebkuchenkinder« das Klangerlebnis beeindruckend ab.

Gewohnt professionell boten die Musikerinnen und Musiker der Bad Reichenhaller Philharmonie während der zweieinhalbstündigen Aufführung den Gesangssolisten einen tragenden Klangteppich, in dem die von der Geschichte geforderten, emotionalen Botschaften exzellent wiedergegeben wurden. Unter dem gefühlvollen Dirigat von Felix Spreng verstand es das Orchester vorzüglich, dramaturgische Steigerungen und bedrohliche Situationen sowie romantische Stimmungen in einer Art und Weise zum Klingen zu bringen, die niemandem im Publikum unberührt ließen.

Der letzte Akt endete schließlich in dem wunderbaren, von allen Akteuren gemeinsam gesungenen und gespielten, majestätisch vorgetragenen, geistlichen Lied: »Wenn die Not am höchsten steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht«. Das Publikum bedankte sich für dieses besondere Konzerterlebnis mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus. Werner Bauregger