weather-image
24°

Großes Theater im Heftersaal

Unter der Regie von Loretta Wollenberg feierten die Kammerspiele Gunther Malzacher mit der Aufführung der Tragikomödie »Die Ratten« von Gerhard Hauptmann einen großen Erfolg. Selbst der Berliner Dialekt, der so manchem Bajuwaren im Grassauer Heftersaal etwas zu schaffen machte, tat dem Erfolg keinen Abbruch. Die Schauspieler verstanden es perfekt, die geforderten Charaktere auf der Bühne umzusetzen, überzeugten mit Gestik, Mimik und Bühnenpräsenz. Loretta Wollenberg selbst brillierte in der Rolle der Henriette John.

Spitta (Manuel Luna-Homeyer) und Walburga (Anne Kathrin Munz) haben ein Verhältnis. Doch Jette John (Loretta Wollenberg (r.) plagen ganz andere Ängste. (Foto: Eder)

Heute würde man Gerhard Hauptmann als einen tiefgründigen Sozialkritiker bezeichnen. Doch zur Entstehungszeit des Theaterstücks »Die Ratten« war er seiner Zeit weit voraus. Hauptmann stellt in dem Theaterstück zum einen das Kleinbürgertum, das Proletariat, mit seinen existenziellen Ängsten und Nöten der gut situierten, über »allen Zweifel erhabenen« Klasse der Bourgeoisie gegenüber.

Der Putzfrau Henriette John gelingt es, dem hochschwangeren, polnischen Dienstmädchen (Sarah V. Sauer) das noch ungeborene Kind abzukaufen. Zum einen sehnt sich Jette John nach einem Kind, zumal ihr eigener Sohn nur sechs Tage alt wurde, zum anderen aber hofft sie damit ihre Ehe am Leben zu halten. Als das Dienstmädchen ihr Kind wieder zurückhaben möchte, beginnt das Lügengebäude einzustürzen. Aus Verzweiflung schiebt sie dem Dienstmädchen das todgeweihte Baby der Nachbarin unter. Der Schwindel fliegt auf, und um das polnische Mädchen ruhig zu halten, schickt Jette ihren kriminellen Bruder, der das Mädchen einschüchtern soll. Dieser aber bringt das Mädchen um. Die Polizei und der neugierige Hausmeister ermitteln und auch Jettes Mann wird misstrauisch. Sie alle verkörpern das arme Berlin, die Menschen am Rande des Existenzminimums. Auf der anderen Seite steht der arrogante ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter, der Moral und Sitte predigt, selbst aber seine Frau betrügt. Letztlich wenden sich alle gegen Jette John, die mit dem Kind nur ein kleines Stückchen Glück und Geborgenheit suchte, an dem kriminellen Akt aber selbst zerbricht und in den Selbstmord getrieben wird.

Loretta Wollenberg, die bei diesem Stück selbst Regie führte, gelang es, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Sie verkörperte perfekt die arme, verzweifelte, von Schuldgefühlen geplagte Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Säugling im Arm zu halten und über den Verlust des eigenen Kindes nicht hinweg kommt. Zerstreut und wirr, dann wieder resolut tritt sie auf. Eine starke und doch so verletzliche Frau, eine Mutter, die das Kind einer anderen liebt. Ihr Versagen bezahlt sie mit ihrem eigenen Leben, denn nachdem sich alle, auch ihr Mann gegen sie stellen, bleibt ihr nur der Freitod. Die geheuchelte Moral der anderen, die geradezu danach lechzen, einen Sündenbock zu finden, wird hervorragend herausgestellt. Großes Theater im Heftersaal wurde hier wahrlich geboten. Nicht nur, dass einer der besten deutschen Klassiker aufgeführt wurde, auch die Schauspieler meisterten ihre Rollen, zeigten, wie die Zuschauer mit Stimme, mit Gestik und Mimik in das Stück involviert werden, wie es fast nicht mehr möglich ist, Gefühle zu verhindern und wie das Publikum unweigerlich Mitleid und Sympathie für Jette John empfindet, auch wenn dies rechtlich nicht einwandfrei ist. Die begeisterten Beifallsbezeugungen am Ende des Stücks zeugten von der großen Resonanz. Zeitweise hätte man im Saal eine Stecknadel fallen hören können, so gefangen, so gefesselt zeigten sich die Zuschauer. tb