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Großes Comeback von Vampire Weekend

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Vampire Weekend
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Ezra Koenig hat sich von dem klassischen Band-Gedanken verabschiedet. Foto: Monika Mogi Foto: dpa

Sechs Jahre Pause sind eine lange Zeit in der oft so oberflächlichen Popmusik. Vampire Weekend machen eindeutig Pop, aber Oberflächlichkeit konnte man ihrer Musik noch nie vorwerfen. Daher funktioniert auch das vierte Album der US-Band wieder so gut.


Berlin (dpa) - Ezra Koenig hat sich rein äußerlich kaum verändert. Der Frontmann der Grammy-dekorierten US-Band Vampire Weekend wirkt auch mit 35 noch wie jener smarte Student der New Yorker Columbia-Universität, als der er vor elf Jahren die Musikwelt eroberte.

Aber natürlich hat sich seit den juvenilen Songs des selbstbetitelten Debüts eine ganze Menge verändert. »Father Of The Bride« (Columbia/Sony), das vierte Album von Vampire Weekend, zeugt von einer songschreiberischen Reife und Souveränität, die viele dem jungenhaften Koenig kaum zugetraut hätten. Dabei hatte sich der vermeintlich leichtgewichtige Pop-Dandy schon vor dem Wahlsieg von Donald Trump politisch stark engagiert (für den linken Demokraten Bernie Sanders), wurde Vater - und fand zusätzliche Anerkennung als künstlerischer Partner von Superstar Beyoncé, mit der er den Song »Hold Up« (2016) schrieb.

Schlaumeier-Pop von weißen Schnöseln aus der oberen Mittelklasse - das war die weniger schmeichelhafte Beschreibung der Musik des 2006 gegründeten Quartetts Vampire Weekend. Doch die meisten Kritiker und Millionen Fans waren anderer Meinung. Bei ihnen traf die originelle Mixtur aus cleverem Indierock und lässigen Afro- oder Funk-Beats einen Nerv. Zumal Koenig auch noch ähnlich zart sang wie Paul Simon und dessen legendäres »Graceland«-Album von 1986 zu seinen Haupteinflüssen zählte (und dabei besser aussah als der Altmeister, was gewiss kein Nachteil war).

Drei in kurzer Folge auf ein begeistertes Publikum abgefeuerte Platten, von denen die aufwendigste und beste - »Modern Vampires Of The City« (2013) - Platz 1 der US-Charts erreichte und den Grammy erhielt, dann war erstmal Schluss. Und die Wartezeit zog sich hin. Mehrfach schien ein neues Album von Vampire Weekend unterwegs zu sein, doch am Ende kam wieder nichts.

»Ich weiß - fünf, sechs Jahre gelten als eine lange Zeit zwischen zwei Alben«, sagt Koenig über die Kreativpause. »Ich persönlich denke, es ist ein angemessenes Tempo für eine Band, die bereits drei Alben in Umlauf gebracht hat, aber jeder hat da sein eigenes Zeitgefühl.«

In einem Interview der Fachzeitschrift »Musikexpress« sagte der Sänger über die Herausforderung, nach einer sehr erfolgreichen Album-Trilogie ohne den bewährten Keyboarder Rostam Batmanglij überhaupt weiterzumachen: »Da hätte man die Geschichte beenden können, aber an dieser Stelle setzt das neue Album an. Denn die großen Fragen verschwinden nicht, sie verändern sich.«

Gleich 18 Lieder reiht »Father Of The Bride« aneinander, und nie waren Vampire Weekend so abwechslungsreich und raffiniert. Viele Stücke haben zwar nach wie vor die von dieser Band gewohnten knuffigen Worldmusic-Rhythmen und Gitarren-Grooves (grandios: »Sympathy« und »Stranger«), ihre Folkpop-Harmonien sind weiterhin äußerst eingängig. Aber darüber schwebt oft ein melancholischer, nachdenklicher Ton - etwa im tieftraurigen »My Mistake«.

Textlich knüpft das als Vorab-Single veröffentlichte »Harmony Hall« beim Song »Finger Back« vom sechs Jahre zurückliegenden Vorgängeralbum an: »I don't wanna live like this/but I don't wanna die«, singt Ezra Koenig hier wie dort. Das klingt so gar nicht nach banaler Zufriedenheit eines oberflächlichen Middle-Class-Bürschchens. Ebenso »Unbearably White«, wo der Songwriter zu bebenden Streicher-Sounds augenzwinkernd den Vorwurf kontert, er sei viel zu hellhäutig für seine von schwarzen Vorbildern geprägte Musik.

Mit der schönen Piano-Ballade »Jerusalem-New York-Berlin« endet ein Album, das Ezra Koenig (Gitarre, Gesang), Chris Baio (Bass) und Chris Tomson (Schlagzeug) auch nach langer Pause wieder auf viele Playlists und in die Charts bringen dürfte. Vampire Weekend sind gereift, sie sehen sich nicht mehr als klassische Band (»Das ist ein so veraltetes Konzept«), sondern eher als ein für unterschiedliche Gäste offenes Projekt. Kein Problem, wenn dabei so wunderbare Platten herauskommen wie »Father Of The Bride«.

Website Vampire Weekend