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Großartige Festmesse mit feierlichem Aufwand

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Chor, Solisten und ein Teil des Orchesters beim Sanctus der »Missa Solemnis«. (Foto: Kaiser)

Als blendende Idee bei der Planung und als großartige Leistung bei der Ausführung überzeugte die Trias der Messvertonungen, die bei den Tiroler Festspielen Erl Winter geboten wurden: Bachs Messe in h-Moll und Beethovens »Missa Solemnis«, zwei Säulen der Kirchenmusik aus dem Welt- und Gottesgefühl des Barock und dem sich selbst verantwortlichen Geist der Klassik, dazwischen Rossinis melodienselig-opernhafte, aber nicht weniger fromme »Petite Messe Solenelle«.


Bei der Matinee am letzten Festspieltag war er wieder da, der geschmeidig-präzise, begeisternde, ja süchtig machende Klang des großen Festspielorchesters. Der je elffach in den Stimmlagen besetzte Chor der Chorakademie der Festspiele und der Capella Minsk (Chorleitung Marco Medved und Ljudmila Efimova) zeigte sich belastbar im Forte wie im Piano, agierte punktgenau und tonrein auch bei den vertracktesten Fugenanforderungen. Dazu das international besetzte Solistenquartett aus der Accademia di Montegral: die Österreicherin Monika Riedler (Sopran), die Südtirolerin Anna Lucia Nardi (Alt), der US-Amerikaner George Humphrey (Tenor) und der aus China stammende Bass Liang Li. Diese vier Künstler profilierten sich in ihren je eigenen Qualitäten in den Soli, bildeten im Quartett ein Ensemble, das mit Teamgeist und Gestaltungswillen begeisterte.

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Der Rezensent möchte bei seinem Bericht das Credo ins Zentrum stellen. Es begann mit einem signifikanten Vierton-Ruf, der auf die Gregorianik zurückgeht und das Glaubensbekenntnis wie ein Leitmotiv durchzieht. Zum musikalischen Herzstück wurde das »Et incarnatus est«, das im Pianissimo zuerst vom Chor, dann von den Solisten bedacht wurde und sich zu einem jubelnden »Et homo factus est« steigerte. Diese Textpassage war wie auch das zerrissene »Crucifixus« und das kraftvolle »Resurrexit« und »Ascendit« ein Beispiel dafür, wie kühn und gekonnt Beethoven die Beiträge der Solisten, des Chores und des Orchesters miteinander zu einer Einheit verwob und verschmolz. Ganz verhalten und deutlich fugierte der Chor stakkatoartig das »Et vitam venturi saeculi«, steigerte den Jubel, als wäre diese Hoffnung schon Gewissheit. Das Quartett unterstützte ihn dabei mit herrlichen Kantilenen.

Das abschließende »Agnus Dei« wirkte in seinen Ausmaßen wie ein Monolith in dieser Komposition. Ruhig und würdig trug der kontraschwarze Bass von Liang Li, leise gestützt vom Männerchor, die erste »Agnus Dei«-Bitte vor, das Duett von Alt und Tenor antwortete mit der zweiten und das gesamte Solistenquartett formulierte die dritte Bitte. Ein weit ausholendes »Dona nobis pacem« des Chores in strömender Schönheit schloss sich an; Beethoven hat es »Bitte um innern und äußern Frieden« überschrieben. Doch plötzlich brach mit pochenden Paukenwirbeln und scharfen Trompetensignalen die »äußere Welt« in den Frieden des Bittgesangs, ein zerklüftetes Orchesterzwischenspiel zeigte die Nähe zur gleichzeitig mit der Missa veröffentlichten 9. Sinfonie auf. Auch in den abschließenden Bittgesang klangen wie von ferne leise Paukenschläge herein und hinterließen eine zwiespältige Wirkung.

Ganz verhalten begann im Saal der Beifall, steigerte sich dann aber zu begeistertem Jubel. Engelbert Kaiser

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