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Größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten oder Ideen-Recycling?

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Begeisterung und Jubel gab es für Bachs h-Moll-Messe unter der Leitung von Philippe Herreweghe. (Fotos: Salzburger Festspiele/ Marco Borelli)

Die Entstehungszeit der Messe h-Moll für Soli, Chor und Orchester BWV 232 von Johann Sebastian Bach, die bei den Salzburger Festspielen im Rahmen der »Ouverture spirituelle« in der Felsenreitschule durch das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe zur Aufführung kam, zog sich über 35 Jahre hin.


Bach griff für dieses Werk ältere Kompositionen aus seiner Feder auf, arbeitete sie um und fügte sie in einen neuen Rahmen ein. Dieses als »Parodie« bezeichnete Vorgehen forderte so manchen Musikkritiker zu der Frage heraus, ob es sich daher nur um ein – wenig kreatives – Ideen-Recycling handelte, was für andere kaum vorstellbar ist, die diese Messe als unübertroffenes Gipfelwerk abendländischer Musikgeschichte betrachten. Also solches durften es die Besucher in Salzburg erleben und sich davon berühren lassen.

Die vier-teilige h-Moll-Messe mit ihren gewaltigen Dimensionen ist überkonfessionell und passt in keinen liturgischen Rahmen. Der erste Teil ist eine »Missa brevis« aus Kyrie und Gloria und besteht aus 12 Sätzen. Danach folgt das »Nizänische Glaubensbekenntnis« mit dem Titel »Symbolum Nicenum«, dessen »Crucifixus-Teil« auf die Kantate »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« BWV 12 aus dem Jahr 1714 zurückgeht. Immer drücken die Kompositionsweise und die Orchestrierung verschiedene Affekte aus. Zahlensymbolik tritt besonders deutlich im dritten Teil »Sanctus« hervor, wo die Zahl »drei« für die Dreieinigkeit Gottes im Taktmuster, in der Zahl der Instrumente und der Gesangsstimmen auffällt. Numerologische Auffälligkeiten, Zahlenmystik und Verschlüsselung religiöser Inhalte durch Zahlen? Dass Bach solche Strukturen benützte, ist in der Forschung bekannt. Die Symbolik in Bachs Musik kann auch im vierten Abschnitt »Osanna, Benedictus, Agnus Dei und Dona nobis pacem« entdeckt werden. Nicht nur chromatische Wendungen für das Leid der Bittenden oder auch des gekreuzigten Christus, sondern ebenso grafisch darstellbare Hinweise – wenn die Verbindung der Notenköpfe auf dem Notenpapier ein Kreuz ergibt – zeigen deutlich, auf wie vielen Ebenen Bach sich mit der musikalischen Aussage beschäftigt hat. Viele verschiedene Stile sind in dieser Messe repräsentiert: Polyphonie und Kontrapunktik, Chorfugen, madrigalische Sätze, konzertierende Motetten, opernhafte Arien ebenso wie Tänze, zum Beispiel eine Gigue (»Qui sedes«), eine Polonaise (»«Quoniam tu solus sanctus«) oder eine Passacaglia (»Crucifixus«). Die Musikwissenschaft ist sich daher einig, dass Bach in seiner h-Moll-Messe ein »Musterbuch« der Stile und Formen seiner Zeit zusammengestellt hat.

Dieses »größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker« verzauberte die Zuhörer – nicht zuletzt durch die Gesangskunst der Sängerinnen und Sänger des Collegiums Vocale Gent, die die h-Moll-Messe in all ihrer Pracht dargeboten haben. Dirigent Herreweghe modellierte seine Klangideen mit seinen beweglichen Händen und übergab sie so den Ausführenden, deren Vorstellungskraft sie gleichzeitig instrumental und vokal zum Ausdruck brachte.

Die Streicher des Collegiums Vocale Gent spielten entsprechend der historischen Aufführungspraxis mit barocker Bogenhaltung. Zusätzlich zu zwei Violoncelli ergänzten eine Violone (Miriam Shalinsky – mit abgegrenzten Bünden am Griffbrett), eine Truhenorgel (Lorenzo Feder) und zwei Fagotte den Basso continuo, der manchmal zusätzlich zum Gesang durch die Traversflöte (Patrick Beuckels) auflockernd-virtuos umspielt wurde. Die Pauke (Maarten Smit) unterstrich jeweils gemeinsam mit den drei Trompeten die Gedanken an Auferstehung und ewiges Leben. Bart Cypers begleitete auf dem ventillosen Naturhorn das letzte Basssolo im Gloria »Quoniam tu solus sanctus« mit hörbaren Schwierigkeiten und Herausforderungen, die dieses Instrument in sich birgt.

Sechs Frauenstimmen und vier Countertenöre standen acht Tenor- und Bassstimmen gegenüber. Im dritten Teil wurde die Aufstellung im Sinne der venezianischen Mehrchörigkeit verändert: Die hohen Stimmen standen nun jeweils an den Außenseiten und rahmten die tiefen Stimmen ein. Begeisterung und Jubel beim Publikum! Brigitte Janoschka