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»Grassauer Deichelbohrer« für Heidi Lackner

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Heidi Lackner gewann den ersten »Grassauer Deichelbohrer«. Zweitplatzierter ist David Jacobs (links), den 3. Preis erhielt Manuel Zerwas. (Foto: Eder)

Für die fünfköpfige Jury war es kein leichtes Unterfangen, aus den 470 eingereichten Kurzgeschichten den Gewinner des »Grassauer Deichelbohrer« zu ermitteln. Zwei Abende in der idyllisch gelegenen Wolfgang-Sawallisch-Villa wurden der Preisverleihung gewidmet. Schließlich überzeugte die 42-jährige Heidi Lackner mit ihrer Kurzgeschichte »Der Duft sterbender Bücher« die Jury und gewann den mit 1000 Euro dotierten Literaturpreis.


Den 2. Platz und 500 Euro durfte David Jacobs mit »Haikus« in Empfang nehmen. Auf den 3. Platz – mit 300 Euro bewertet – wählte die Jury Manuel Zerwas mit seiner bewegenden Geschichte »Ich fühle was, was du nicht fühlst«. Alle Geschichten der 35 Autoren, die es in die größere Auswahl geschafft haben (Longlist), sind auch in der Anthologie »Literaturpreis Grassauer Deichelbohrer 2019« nachzulesen.

Insgesamt waren 470 Kurzgeschichten zum Thema »Nähe« eingereicht worden, darunter Krimis, Skurriles, aber auch Märchen. Die Autoren stammten aus ganz Deutschland. Angeline Bauer, die die Preisverleihung moderierte, ging auf die Schwierigkeit der Auswahl ein und betonte, dass alle acht Autoren der Shortlist Gewinner seien. Die in Grassau lebende Autorin leitete die Jury, zu der auch der Grassauer Kulturbeauftragte Robert Höpfner und Autor Klaus Bovers sowie die bekannte Berufsautorin Mara Laue vom Niederrhein und Dr. Constanze Wilken, Autorin und Kunsthistorikerin aus Norddeutschland, gehörten.

Bei der Verleihung des Literaturpreises erklärte Bürgermeister Rudi Jantke, dass der Markt Grassau Kultur und Kunst einen hohen Stellenwert zuordne. Initialzünder und Ideengeber für den Literaturpreis war Robert Höpfner. Als Kulturbeauftragter und Autor wusste Höpfner auch von der literarischen Geschichte des Marktes Grassau und von vielen Autoren, die in der Gemeinde wohnen. Insofern stand es für ihn außer Frage auch dem literarischen Wirken einen besonderen Stellenwert zu geben. Ein Literaturpreis sollte aber nicht räumlich begrenzt, sondern deutschlandweit ausgelobt werden.

Der Name »Grassauer Deichelbohrer« rührt von der hölzernen Rohrleitung her, die früher die wertvolle Salzsole von Traunstein nach Rosenheim transportierte. Mit dem Deichelbohrer wurden die Fichtenstämme für die Pipeline mühsame ausgehöhlt. Auch beim Schreiben, so Angeline Bauer, sei es wichtig, in die Tiefe zu gehen.

Die passende musikalische Umrahmung boten Beatrice von Kutzschenbach am Klavier und Udo Scheuerpflug (lyrischer Tenor) mit Filmmelodien.

Am ersten Abend hatten die acht Autoren, die es in die engere Auswahl geschafft hatten (Shortlist), die Gelegenheit, ihre Kurzgeschichte vorzustellen – und den Publikumspreis zu gewinnen. Zunächst stellte Andreas Weidmann seine Geschichte »Die Reise« vor, in der ein einsam lebender Mann die Nähe zu anderen Fahrgästen im Zug nicht mehr ertragen kann und die Notbremse mit schwerwiegenden Folgen zieht. Ebenso begeisterte Armena Kühne-Enzinger mit »Glockengasse 13 oder die Zeit mit Garib«, in welcher eine einsame Frau sich in einen Straßenkünstler verliebt, die Liebe aber nicht von Bestand ist, weil beide von einer inneren Unruhe getrieben werden. Cornelia Koepsell ließ ihre Protagonistin in »Nacht-Allein-Im Wald« im Wald immer wieder auf einen Mann treffen, der sich als Faun entpuppte.

David Jacobs begeisterte mit seiner einfühlsamen Geschichte »Haikus«. Er beschreibt darin, wie ein an Demenz erkrankter Mann langsam sich selbst verliert und mittels Haikus (kleiner Sprüche) eine Brücke in die Vergangenheit findet. Heidi Lackner präsentierte »Der Duft sterbender Bücher«. Sensibel lässt sie ihre Darsteller, einen Buchrestaurator und dessen lange nicht mehr gesehenen Freund im angesichts des Todes wieder zueinanderfinden.

In die Zeit der 1920er Jahre entführte Janina Rehak mit »Schall und Rauch« und ließ die Zuhörer an einer vermeintlichen Liebesgeschichte zwischen einem ungleichen Paar – einem Musiker und einer Dirne – teilhaben. Über die Tiergattung des »Findelfell«, so der Titel ihrer Kurzgeschichte, ließ Julia Kersebaum ihre Zuhörer im Unklaren. Wichtiger war vielmehr, dass eine eingeschlafene Ehe über dieses Findelkind und eine gemeinsame Aufgabe wieder zu neuem Leben erweckt wurde.

Der jüngste und alphabetisch letzte Autor der Shortlist, Manuel Zerwas (Jahrgang 1987, Gymnasiallehrer), bot den Zuhörern in seiner Geschichte »Ich fühle was, was du nicht fühlst« einen Einblick in die Gefühlswelt eines blinden und zugleich tauben Menschen, der dank der sensiblen Zuwendung einer Prostituierten körperliche Nähe erfährt.

Ergriffen zeigte sich das Auditorium von allen Geschichten. Der Publikumspreis ging an David Jacobs und die Geschichte »Haikus«. Tamara Eder