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Goya und das Leben

Das Hang ist eines der vielen Instrumente, die Martin Kälberer zum Einsatz brachte. (Foto: Ortner)

Martin Kälberer, seit vielen Jahren nicht von der Seite des Liedermachers Werner Schmidbauer wegzudenken, aktuell in der gemeinsamen »Süden«-Tour mit Pippo Pollina in zahlreichen ausverkauften Konzerten spielend, stellte im nahezu ausverkauften NUTS sein drittes Solo-Werk »goya« vor. Wie immer faszinierend in seiner Emotionalität und Intensität in der Auseinandersetzung seines Themas und seiner Musik.


Mit einer Fülle von Instrumenten erschafft der brillante Multiinstrumentalist Klangwelten und Bilder von einmaliger Schönheit. Ein buntes Sammelsurium liegt auf der Bühne, bereit zur Reise in die bunte Welt der filigranen Töne: Piano/Keyboard, Udu, Vibrandoneon, Akkordeon, unzählige Perkussionsutensilien, inklusive der unvermeidlichen Badeente und einer Wasserharfe sowie gleich drei Hangs, die selbstverständlich auch eingesetzt werden.

Eines der wichtigsten »Instrumente« ist jedoch Kälberers Stimme, die auch ohne Worte über große Distanzen trägt. Apropos: Der sympathische Musikus ist ohnehin kein Mann großer Worte, aber wenn er was sagt, dann sitzt es. Humorvoll, bisweilen ein klein wenig schalkhaft, führt er seine Gäste souverän durch den Abend.

Martin Kälberer präsentierte überwiegend Stücke seines drittes Soloalbum »goya«, bei dem er sich, wie der Titel schon verrät, sehr von der Arbeit des spanischen Malers Francisco de Goya inspirieren ließ. Für ihn sei de Goya ein sehr visionärer Maler, der alle Facetten des Lebens, des Menschseins, abgebildet habe. Vor allem die letzte Lebensphase des Künstlers habe ihn sehr fasziniert, sein Werk »Pinturas Negras« zu seinem einleitenden Stück »Pinturas« inspiriert. »Das klingt jetzt alles etwas bedeutungsschwanger, ist es aber nicht«, erklärt Martin Kälberer und zerstreut auch gleich mit »Pasacalle«, einem Lied, »in dem Menschen singend die Straße hinuntertanzen«, etwaige Bedenken, der Abend könne »düster« werden.

Doch selbst bei aller Ernsthaftigkeit wird es bei Martin Kälberer nie düster und schwermütig. Selbst bei »Mensch« nicht, das in der Auseinandersetzung mit dem erschreckenden Thema »Fracking« entstanden ist, ihn mit dem Vorhaben am Langbürgener See auch unmittelbar betraf und die stets wiederkehrende Frage aufwirft: »Warum nur sägt der Mensch so beständig und konsequent an dem Ast, auf dem er sitzt?«

Hang und Udu gleichzeitig gespielt, zwei Hangs mit unglaublich flinken Fingern voller Feingefühl parallel »bearbeitet«, das Akkordeon gezückt und gleich darauf ins Vibrandoneon geblasen, einige »dramatische Sekunden« mit der Wasserharfe für Gänsehaut gesorgt, Entwarnung mittels Quietschente folgt auf dem Fuße, dann noch kurzentschlossen die schwarz-weißen Tasten betätigt und auch den Einsatz einfühlsamen Scat-Gesanges nicht vergessen: Martin Kälberer ist das personifizierte Einmannorchester, dem es überzeugend gelingt, sowohl auf Einzelinstrumenten als auch mittels Loop-Technik aufgezeichneter Töne große Kunst darzubringen, auch wenn das Loop nicht immer das macht, was der Musiker erwartet und so gelegentlich für einige Überraschungen und Herausforderungen sorgt, wie er verschmitzt lächelnd anmerkt.

Der begnadete Multiinstrumentalist schafft Träumereien, Bilder für das innere Auge, es ist auch ganz großes emotionales Kopfkino für Herz und Seele. »Klangfarbenmuster« die entstanden sind beim Nachdenken »wie Musik bei mir selbst funktioniert«, das Übereinanderlegen von Mustern, Farben, Tönen, Strukturen. Herausgekommen ist dabei nicht nur fantastische Musik, sondern für »goya« auch eine bildliche Umsetzung mittels einer Leinwandprojektion mit Bildern und Motiven von Till Jellinger in einer Produktion des Traunsteiners Peter Schmidbauer. Und selbstverständlich darf auch »Süden« nicht fehlen, das dem aktuell überaus erfolgreichen Gemeinschaftsprogramm Kälberers mit Werner Schmidbauer und Pippo Pollina den Namen gegeben hat. Im NUTS jedoch in einer »Urversion« ohne Gesang, entstanden während einer Reise auf dem Meer, nicht so genau wissend worauf man sich da eingelassen habe, man könne nicht weg, sei nur ein kleiner Teil eines Ganzen und fühle sich dennoch gut aufgehoben. Am Ende des Konzertes bedankt sich Martin Kälberer beim Publikum für die intensive Aufmerksamkeit »und die Stille, wo die Töne so viel Platz haben«. Maria Ortner