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»Gib nie auf, dann kannst du auch nicht scheitern«

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Elisa Afie Agbaglah, Hanno Waldner und Ingo Paulick. (Foto: Anna-Maria Löffelberger/Landestheater)

Es ist schon irgendwie verrückt, wie die Gesellschaft mit »Andersartigkeit« umgeht und das, obwohl allenthalben Worte wie Inklusion, Integration, Toleranz oder Akzeptanz zu hören sind, der Fokus also durchaus auf mangelnde Sozialkompetenzen gerichtet ist und die Suche nach unterschiedlichen Lösungsansätzen »in Arbeit sind«.


Ein Patentrezept gibt’s offenbar nicht. Mobbing, Ausgrenzung, Familientragödien mit tödlichem Ausgang, Amokläufe an Schulen und Gewaltbereitschaft schon bei Kindern sind traurige Wahrheiten, nicht nur in den USA. Mit dem Jugendbuch »Dead Ends« ist der US-amerikanischen Autorin Erin Jade Lange 2015 zu diesen brisanten Themen eine erfrischend unkomplizierte und feinfühlige Aufarbeitung der so vielschichtigen Problematik gelungen.

Die unglaubliche Geschichte, die sich um zwei jugendliche Hauptprotagonisten entspinnt, ist voller Überraschungen, unerwarteter Wendungen und, was sie so besonders macht, absolut lebensnah. Autor und Regisseur Oliver Wronka strickte aus dem vielschichtigen Stoff eine Theaterbearbeitung, »Halbe Helden«, die in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters Uraufführung feierte.

Auf der Bühne steht, inmitten von Sträuchern und Bäumchen, ein mit Graffitikunst besprühtes Auto, welches zum Schauplatz der Geschichte um das Leben dreier Heranwachsender wird. Der 16-jährige Dane (Hanno Waldner) macht sich und anderen reichlich Ärger: Trotz guter schulischer Leistung, droht ihm ein Schulverweis. Der Grund: Sein »Kribbeln in den Händen«, die sich bei geringem Reiz zu Fäusten ballen und im Gesicht der Mitschüler landen. Er liebt seine Mom (Genia Maria Karasek), die ihn in ärmlichen Verhältnissen ohne Vater durchbringen muss. Dass sie das wenige »übrige« Geld in Rubbellose investiert, deren Gewinne sie nie einlöst, anstatt ihm seinen sehnlichsten Wunsch – ein Auto – zu erfüllen, macht ihn fassungslos.

Im Haus gegenüber, frisch zugezogen, hat der gleichaltrige Billy (Ingo Paulick) ganz andere Probleme. Er ist Opfer von Prügelattacken, Ausgrenzung und Mobbing. Der Grund: Er ist »anders«. Ein »Mongo« mit autistischen Zügen, bemerkenswertem Beobachtungstalent und erstaunlicher analytischer Gabe. Unverletzt die Schule zu erreichen erfordert ihm ein hohes Maß an Kreativität ab. Er will Dan zum »Beschützer«, will von ihm lernen, wie man zurückhaut, im Gegenzug dazu verhilft er Dan zur Chance auf Bewährung vom Schulverweis – eine vernünftige Maßnahme des Schuldirektors (Axel Meinhardt), die die beiden so unterschiedlichen Jungs zusammenbringt.

Ein Täter und ein Opfer mit verblüffend vielen Gemeinsamkeiten begeben sich miteinander auf die Suche: Nach ihren abwesenden Vätern, nach den Ursachen ihrer »Andersartigkeit« (»Warum prügelst du?«), nach Verbindlichkeit, nach Vertrauen (»Du hat es versprochen!«), nach Wahrheit (»Warum bestrafen Mütter immer die Falschen?«) nach Werten und Zielen, aber vor allem nach Stabilität und Sicherheit – eine Grundvoraussetzung zur Entwicklung.

Als erfinderische Mittlerin schließt sich den »Halben Helden«, die lebenslustige Seely (Elisa Afie Agbaglah) an, die, welch Ironie, ein in der Retorte entstandenes Produkt der Liebe ist und gleich zwei (homosexuelle) Väter hat. Seely erkennt das Erfolgsrezept des seltsamen »Dreamteams«, dem es gelingt, an der jeweiligen »Schwäche« des anderen zu wachsen, die jeweils eigene »Andersartigkeit« als Kompetenz zu erkennen und miteinander (und für einander) zu Helden zu werden. »Gib nie auf, dann kannst du auch nicht scheitern«, gab Billys Vater seinem Sohn als Ratschlag. Ob es gut war, ihn zu suchen (und zu finden), wer und wo Dans Vater ist und wieso er nie da war, wieso Lügen der Eltern so fatale Folgen haben können, das alles herauszufinden – ohne Smartphone, Google und Co, allein mit den »magischen« Mitteln des Theaters, lohnt sich für alle Heranwachsenden und schon Herangewachsenen.

Gut eineinhalb Stunden temporeiche und blitzgescheite Dialoge, ein Kind gebliebenes, spielwütiges Ensemble, eine sehr geschmackvolle und stylische Bühnenausstattung (Lorena Díaz Stephens und Jan Hendrik Neidert) und immer wieder falsch gelegte Fährten sorgten für Spannung und bescherten genau das, was die Qualität einer guten Jugendtheaterproduktion ausmacht: Die volle Aufmerksamkeit seitens der Schüler und am Ende ein kräftiges Applaudieren. So einfach kann es sein, Schüler an diese Themen auf pädagogisch wertvolle Weise heranzuführen und zu sensibilisieren. Kirsten Benekam