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Gestörte Kommunikation in Kunstbelangen

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Der zum Teil fragwürdige Umgang mit Kunstschaffenden und Kunst im öffentlichen Raum sorgte in der letzten »Kunstsprechstunde« für angeregte Diskussionen unter dem Publikum.

Welche Aufgabe hat Kunst im öffentlichen Raum? Sind Bildwerke nur genehm, wenn sie dekorativ, gefällig und »schön« sind? Oder ist es nicht gerade ein Wesensmerkmal der Kunst, unbequeme Fragen zu stellen und kritische Entwicklungen ihrer Zeit zu thematisieren?


Mit welch konträren Rahmenbedingungen die gegen-wärtige Kunstproduktion im öffentlichen Raum mitunter zu kämpfen hat, machte zuletzt der Umgang mit Carsten Lewerentz’ Kunstprojekt »Biotop der Vergänglichkeit« in Prien deutlich. Die 2014 mit Mehrheitsbe-schluss des Marktgemeinderats Prien angekaufte und zur Hälfte aus dem EU-Fördertopf für LEADER-Projekte finanzierte Installation des Staudacher Künstlers im Naturschutzgebiet Eichental musste bereits in diesem Sommer wieder dem Bagger weichen, Protesten von Künstlern, Kunstvereinen und engagierten Bürgern zum Trotz. Die mit acht Kubikmeter Hausrat und Müll gefüllte Gabionenwand – ein Mahnbild der Wegwerfgesellschaft – neben einer uralten ausgehöhlten Eiche schien den Spaziergängern in der Naturidylle nicht länger zumutbar zu sein.

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Als Aufhänger für eine generelle Betrachtung zum Um-gang mit Kunst im öffentlichen Raum diente der »Fall Lewerentz« jetzt auch in der Kunstsprechstunde im Traunsteiner Atelierhaus der beiden Künstler Helmut Mühlbacher und Cosima Strähhuber. Seit 2013 hat dieses öffentliche Gesprächs- und Diskussionsforum über aktuelle Kunst- und Gestaltungsfragen eine wachsende Anhängerschar gefunden. Bis aus München kommen inzwischen manche Besucher. 2015 wurde Mühlbacher – er ist zusammen mit Cosima Strähhuber Initiator und Organisator – für die Veranstaltungsreihe im zweimonatigen Turnus mit dem Deutschen Bürgerpreis für ehrenamtliches Engagement in der Kulturarbeit ausgezeichnet. Unter dem Thema »Rahmen- und Produktionsbedingungen für Kunst im öffentlichen Raum in der Chiemseeregion« stellten sowohl Lewerentz wie Mühlbacher jeweils drei symptomatische Fälle vor.

Der Traunsteiner präsentierte dazu sein Werk »Naturraum«, das 2011 im Rahmen des Förderprojekts ChiemseeART im Westenbachtal in der Gemeinde Rimsting aufgestellt werden sollte. Über einer quadratischen Grundplatte aus Stahl mit den Schriftzügen »natürlich künstlich« sollte ein »goldener Käfig« aus lackierten Vierkantprofilen gefasst werden. Dessen Kanten sollten gleichsam als unterschiedliche Bilderrahmen für die sich am Boden über dem Schriftzug entwickelnden Gräser und Gehölze dienen. Trotz Auswahl des Werks durch einen Kurator lehnte der Gemeinderat ohne Angabe weiterer Gründe oder die Möglichkeit zur Präsentation sowohl das Werk wie eine Diskussion darüber mit Mehrheitsentscheidung ab.

»Diese beiden und andere Fälle lassen ein Muster im heutigen Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum erkennen«, erklärte Mühlbacher dazu. »Der Künstler hat sich in der Regel intensiv mit den Gegebenheiten des Orts oder der Historie für sein Kunstwerk auseinandergesetzt und bringt damit sein kulturelles Wissen ein. Dem steht leider oft ein Geschmacksurteil aus dem Bauch heraus gegenüber.« Es stellt sich also die Frage, nach welchen Qualitätskriterien Kunst zu beurteilen ist und wer die dafür nötigen Kompetenzen besitzt. »Die Auseinandersetzung mit dem Künstler oder dem Kurator als Kunstverständigen findet in öffentlichen Gremien der Region immer weniger statt«, bedauerte Mühlbacher. Das führte etwa auch dazu, dass Lewerentz den Entwurf einer Bronzetafel zur Historie Traunsteins am Bahnhof ändern musste. In Grassau wiederum war dessen Entwurf zur geplanten Würdigung des Ehrenbürgers Prof. Dr. Wolfgang Sawallisch erst unter dem Vorbehalt der Verfügung von Sponsorengeldern ausgewählt worden, um dann ohne Rücksprache durch eine industriell gefertigte Schrifttafel für einen fünftstelligen Betrag ersetzt zu werden. Mühlbacher verwies auf ein genehmigtes Projekt von ihm zur Neugestaltung des Gipfelareals auf dem Hochfelln, bei dem ebenfalls ohne Rücksprache mit ihm ein alter Liftmast abgerissen wurde. Dieser war für eine Installation zur Wahrnehmung des Panoramas vorgesehen.

Habe Kunst in den 70er-Jahren noch eine gewisse politi-sche Sprengkraft besessen, so sei heute auch in Kunstbelangen der Trend zur Vereinfachung, Trivialisierung und Eventisierung bestimmend, war dazu in der Diskussion aus dem Publikum zu hören. Wesentlich für den öffentlichen Diskurs über Qualitätskriterien sei eine fundierte Kunstkritik in den regionalen Medien. Die reine Beschreibung von Ausstellungen bzw. die fehlende Unterscheidung zwischen sogenannten Freizeit- und ernsthaften Künstlern fördere nicht unbedingt die Meinungsbildung, lautete ein weiterer Einwand. Weitere Diskussionspunkte waren der Einfluss von Lobbygruppen auf die Realisierung von Kunstprojekten und die Frage, inwieweit die gesellschaftliche Rolle des Künstlers als Korrekturinstanz und Vermittler neuer Sichtweisen heute noch ge schätzt werde. Axel Effner

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