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Der »Rodel-Doktor« war auch beim Weltcup am Königssee im Einsatz

Gerhard Kirchner operiert »am offenen Herzen«

FIL-Pressesprecher Wolfgang Harder (l.) schätzt seit 15 Jahren die Arbeit von Gerhard Kirchner im blauen Service-Mobil des Rodel-Weltverbandes. (Foto: Bittner)

Schönau am Königssee – Er operiere am offenen Herzen, sagt er. Manchmal rund um die Uhr. Manchmal über 20-mal am Tag und selbst nachts, wenn es sein muss. Doch in den Patienten auf seinem Tisch fließt kein Blut. Gerhard Kirchner repariert Rennrodel. Seine Kunden kommen aus jenen Nationen, deren Budget keine »vernünftige« Werkstatt samt Mitarbeiter hergibt. Bis zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 waren die Russen seine besten Auftraggeber, danach nicht mehr. Heute sind es die vermeintlich kleinen Länder dieses Sports, die Türken, Polen, Letten, Bulgaren oder Moldawier, die Japaner oder Koreaner. An den letzten Tagen war Kirchner auch beim Rennrodel-Weltcup am Königssee im Einsatz.


Einen deutschen Schlitten bekam der Ilmenauer noch nicht auf seinen Tisch. »Die können das selber besser«, lacht der Mechaniker während einer Trainingswoche in Innsbruck, als er seinen blauen Transporter mit der selbst eingerichteten Fünf-Quadratmeter-Werkstatt ohne Fenster und kleinem Heizstrahler nahe der Zielkurve abstellt. In dieser sollte wenige Augenblicke drauf der Russe Alexander Peretyagin schwer stürzen und sich einen offenen Bruch am Handgelenk zuziehen. Sein Rodel ist an allen »vier Enden« abgebrochen, besitzt nur noch Schrottwert, da kann selbst der 76-jährige Thüringer mit den »heilenden Händen« nichts mehr machen – wenngleich Gerhard Kirchner schon die abstrusesten »Verletzungen« an den Rennrodeln gesehen und wieder in Ordnung gebracht hat. Meistens muss er angeknackste Laufschienen, beschädigte Kufen oder verbogene Wannen reparieren. Freilich ist es ihm lieber, die heute bis zu 10 000 Euro teuren Schlitten sind kaputt – und den Sportlern geht es nach Stürzen den Umständen entsprechend gut.

Kirchner reist dem Rodel-Weltcup-Zirkus zu allen europäischen Rennen hinterher, sogar bis ins von Berchtesgaden über 2 000 Kilometer entfernte Sigulda in Lettland. »Da sind wir drei Tage durchgefahren«, erzählt Kirchner. Das schlaucht ihn freilich gewaltig, schließlich hat er dann vor Ort keinen Ruhetag. Ans Aufhören denkt der Rodelfan allerdings noch lange nicht, wenngleich er nach Sotschi 2014 angekündigt hatte, endgültig in Rente zu gehen. Der Job ist ihm auf den Leib geschneidert und macht ihm noch viel zu viel Spaß. »Und wer sollte es denn machen?«, sorgt sich Kirchner um seine Nachfolge, die nicht in Sicht ist.

Vor allem die Rennen jenseits des großen Teichs in Kanada oder den USA begeistern den Unermüdlichen. Zu diesen reist er freilich mit dem Flugzeug an, ein Container mit den wichtigsten Werkzeugen im Gepäck. In Lake Placid hat Kirchner regelmäßig am meisten zu tun, die Olympiabahn von 1980 bereitet gerade den »kleinen Nationen« am meisten Probleme. Diese preisen ihn im Übrigen als Genie, weiß FIL-Pressesprecher Wolfgang Harder. Kirchners Know-how stammt noch aus der DDR, bei den Spielen von Lake Placid 1980 begann seine Karriere als »Rodel-Doktor«.

Jeweils von Freitagmittag bis Montagabend steht Gerhard Kirchner an einem Weltcup-Wochenende an den Rodelbahnen dieser Welt, nimmt defekte Schlitten in Empfang – die Schäden entstehen meist bei Stürzen – und weiß oft Rat. Das macht er seit über sechs Jahrzehnten, seit rund 15 Jahren ganz offiziell im Auftrag der FIL, des Weltverbandes. Dieser finanziert und unterstützt Kirchners Arbeit im Service-Mobil und schätzt diese über alle Maßen. Wolfgang Harder sagt: »Freilich kostet uns das viel Geld, auf der anderen Seite schützen wir gerade jene Sportler, die mit weitaus limitierterem Material unterwegs sind, vor sehr viel schwer wiegenderen Folgen.« Es ist ein kostenfreies Dienstleistungsangebot für die Exoten in diesem Sport. Letztlich will die FIL die »Welt-Konkurrenz« auch nicht auf ein paar wenige Nationen beschränken, die in der glücklichen Lage sind, das nötige Budget zur Verfügung zu haben, um das alles selbst zu bewerkstelligen. Freilich zählen die Deutschen, die Italiener oder die Amerikaner nicht zu Kirchners »Patienten«.

Gerhard Kirchner rodelte von 1953 bis 1964 selbst, war dann Bezirkstrainer und arbeitete später als Entwickler 28 Jahre lang im Dienst des in Berlin ansässigen Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES). Schließlich leitete er deren Außenstelle für das Rodeln in Ilmenau und danach in Oberhof. Nach Olympia 2006 in Turin ging Kirchner in den verdienten Ruhestand, die FIL sprach ihn an, ob er nicht in deren Auftrag den noch nicht so weit entwickelten Rodel-Nationen bei Materialfragen helfen könnte. »Ich mach das gern. Viele Athleten aus diesen Nationen sind dankbar über meine Hilfe. Das ist heute nicht mehr überall so«, sagt der 76-Jährige. Hans-Joachim Bittner