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»Georg Hackl könnte tot sein«

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Siegte vor dem Amtsgericht Laufen: Rodellegende Georg Hackl.
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Die Tatwaffen. Fotos: Anzeiger/höf

Laufen/Bischofswiesen - Das Verfahren gegen die beiden Kontrahenten war eigentlich schon eingestellt. Die Familie Hackl wollte sich damit aber nicht abfinden, legte Beschwerde gegen die Entscheidung ein. Und »zauberte eine weitere Zeugin aus dem Zylinder«, wie es der Verteidiger formulierte. Mutter Annemarie Hackl bestätigte vor dem Laufener Amtsgericht die Darstellung des früheren Rennrodlers, der Nachbar habe ihm mit einem Eisennagel auf den Kopf geschlagen. Richter Dr. Christian Liegl glaubte dieser Darstellung und verurteilte den bislang unbescholtenen 67-jährigen Mann zu einer Bewährungsstrafe.


Bischofswiesen war tief verschneit an jenem 9. Januar 2012. Anlass für den 46-jährigen Georg Hackl, seine Schneefräse anzuwerfen. Den Schnee von seiner Hauszufahrt schleuderte er allerdings über eine hohe Hecke auf das Nachbargrundstück, bis an Hauswände und Fenster. Mehrmals zuvor schon habe er Hackl aufgefordert, das zu unterlassen, berichtete der angeklagte Rentner. Vergeblich. »Meine Frau sah aus wie ein Schneemann«, schilderte der Mann das Geschehen; sie war nur kurz auf eine Zigarette ins Freie gegangen.

»Schorsch, jetzt spinnst total«, habe er daraufhin rüber gerufen. Weil aber Hackl weiter fräste, habe er zur Selbsthilfe gegriffen und mit einem Wasserschlauch durch die Hecke auf Hackl gespritzt.

»I mog koa Wasser, er mog koan Schnee«, hatte sich Hackl auf dem Nachbargrundstück gedacht. Er räumte ein, als Reaktion darauf noch intensiver in deren Richtung gefräst zu haben. Worauf der Angeklagte auf die Straße lief und hinauf zu Hackls Haus. Mit einem etwa 50 Zentimeter langen Eisennagel, den er nach eigener Angabe immer zum Abräumen der Hecke benutze. »Wenn Du nicht aufhörst, zeige ich dich an«, habe er zu Hackl gesagt, worauf der mit einer Plastikstange der Fräsmaschine auf ihn losgegangen war. »Ich habe mich mit dem Nagel nur gewehrt und wollte ausweichen«. Er selbst sei an der Schulter und an der Lippe verletzt worden.

Der frühere Olympiasieger stellte die Geschichte anders dar. Ungeübt sei er im Umgang mit der Fräse, der erste Schneeguss sei ein Versehen gewesen. Der Nachbar sei dann »schnellen Schrittes« auf ihn zugekommen. Er habe gesehen, dass der was in der Hand halte und habe deshalb das Plastiksteckerl aus der Maschine gezogen. »Er hat auf mich eingedroschen, direkt auf mein Gesicht.« Trotz Mütze trug Hackl eine große und stark blutende Platzwunde am Kopf davon, mit Bildern und Attest dokumentiert. Daraufhin sei er ins Haus geflohen, war von dem Kontrahenten noch ein-, zweimal am Rücken erwischt worden. »Ich schwöre, nicht zugeschlagen zu haben«, beteuerte Hackl mehrfach.

»Sofort auf den Kopf geschlagen«

Annemarie Hackl bestätigte die Version ihres Sohnes. Sie sei im ersten Stock des Hauses gewesen, habe durch das große »Watzmannblick-Fenster« geschaut, als sie die Fräse gehört habe, und war dann auf den Balkon gegangen. »Der hat dem Buben sofort auf den Kopf geschlagen«, schilderte die Mutter.

Warum man denn die Zeugin nicht früher benannt habe, fragten Richter und Verteidiger unisono. »Sie ist nicht ganz gesund«, begründete Hackl die Entscheidung, »man wollte sie heraushalten aus dem Streit.« Im Übrigen schien die Sache aus seiner Sicht so eindeutig, seine Verletzung selbsterklärend, dass die Familie das nicht für nötig erachtete. Zweifel an dieser Version äußerte die Frau des Angeklagten. Sie war, nachdem sie sich und ihre Brille wieder vom Schnee befreit hatte, auf die Terrasse zurückgekehrt. »Ich habe niemanden auf dem Balkon gesehen«, beteuerte sie.

Staatsanwalt Thilo Schmidt hegte keinen Zweifel an den Aussagen der beiden Hackls; woher die ebenfalls bestätigte Schulterverletzung des Nachbarn stamme, wisse nur der selber. »Dieser 600 Gramm schwere Eisennagel könnte schwerste Verletzungen bewirken. So ein Angriff könnte im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen.« Schlimmstenfalls sogar tödlich enden. Schmidt forderte eine neunmonatige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung auszusetzen sei. Dazu eine Geldbuße von 2 000 Euro.

»Hier wurde gelogen«, behauptete Hackls Nebenklagevertreter Jürgen Tegtmeier, »und zwar von der Frau des Angeklagten«. Es sei eine Frechheit gewesen, Hackl damals anzuzeigen. Er plädierte für eine höhere Strafe. »Im Übrigen werden wir uns möglicherweise im Zivilverfahren wiedersehen.«

»Vor Monaten hat die Staatsanwaltschaft eine weise Entscheidung getroffen«, erklärte Verteidiger Rechtsanwalt Udo Krause, »sie hat beide Verfahren eingestellt, weil nicht nachzuweisen war, wer der böse Bube ist«. Und jetzt zaubere man eine weitere Zeugin aus dem Zylinder. Die entscheidenden Fragen seien nicht beantwortet: »Woher stammen die Verletzungen meines Mandanten? Und wer hat den ersten Schlag ausgeführt?« Krause plädierte auf Freispruch.

»Unberechenbarer Choleriker«

»Wahrscheinlich wurde die Mutter vom Sohn zu dieser Falschaussage gedrängt«, mutmaßte der Angeklagte in seinem Schlusswort. Er hatte zu Beginn seinen Nachbarn als unberechenbaren Choleriker beschrieben. »Wenn wer was gegen ihn unternimmt, wird der rabiat. Von klein auf hat’s Ausraster gegeben.«

Richter Christian Liegl entschied auf acht Monate wegen gefährlicher Körperverletzung, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. »Die blutende Kopfplatzwunde ist nicht wegzudiskutieren«. Der Mütze und dem Zufall sei es zu verdanken, dass es nicht zu noch schwereren Verletzung gekommen war. 2 000 Euro hat der Pensionist an den Deutschen Kinderschutzbund zu zahlen.

Udo Krause kündigte im anschließenden Pressegespräch an, in Berufung zu gehen. Georg Hackl vermisste die Bereitschaft seines Nachbarn, auf ihn zuzugehen. »Von mir aus ist die Sache abgeschlossen,« erklärte der Ex-Rodler. höf