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Gefangen im Bücherlabyrinth

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Rettet die Bücher und ihre »Buchlinge«. Die Bürgerbühne des Salzburger Landestheaters lockt mit interaktivem Theater in der Stadtbibliothek. (Foto: Landestheater)

»Wir schreiben das Jahr 2038. Es herrschen gefährliche Umstände – die W.I.R.-Partei (wirkungstark.idealistisch.revolutionär) hat es sich zum Auftrag gemacht, etwas dagegen zu unternehmen«. – Die Teilnahmebestätigung, die jeder Angemeldete für den Besuch der neuen Produktion der Bürgerbühne des Salzburger Landestheater per E-Mail zugeschickt bekam, klingt vielversprechend.


Unter der künstlerischen Leitung von Angela Beyerlein und Anna Lukasser-Weitlaner entstand das interaktive Theaterstück »Escape the Book. Das Labyrinth der Bücher« und kam sinniger Weise am Ort der Bücher zur Aufführung: In der Stadtbibliothek Salzburg. Des Weiteren sollte sich der Teilnehmer im Rahmen der »1. Internationalen Expertentagung«, die von der W.I.R.-Partei organisiert und durchgeführt werden soll, für vier von elf Expertenvorträgen entscheiden, sodass eine Einteilung in Gruppen stattfinden kann.

Um was es geht? Um Bücher, genauer gesagt um die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Ziel der Tagung soll eine gemeinschaftlich getroffene Entscheidung sein: Nach dem bereits erfolgreich durchgesetzten Verbot von Büchern im Privatbesitz soll nun über den Verbleib der letzten Büchersammlungen in Stadtbibliotheken entschieden werden. Soweit, so gut. Ob Presse-Frau oder ahnungsloser »Zuschauer« – Zuschauen ist nicht und zur Umkehr ist es zu spät. In Gruppen eingeteilt durchläuft jeder Teilnehmer dasselbe Programm: Ankunft, Begrüßung, Gruppeneinteilung, Durchsuchung von Security-Kräften und schließlich mit dem schräg fahrenden Aufzug hinein in die noch schrägere »Tagung«, die in der Panoramabar bei guter Aussicht auf »innere Erleuchtung« hoffen lässt.

Selbige aber lässt auf sich warten, stattdessen wird man von einer patriotischen TV-Werbesendung überrollt und so umfassend über das »Parteiprogramm« informiert: W.I.R. hat erkannt, dass Bücher Zeit rauben, Papier kosten und sogar bestehende Sicherheit gefährden. »Buchlinge«, also den Büchern entsprungene Figuren wie Hexen, Tierwesen, Helden oder Massenmörder treiben ihr Unwesen und gefährden die öffentliche Sicherheit. Nach der Begrüßung durch den Parteivorstand und vor den anschließenden »Exklusiv-Vorträgen« fühlt man sich wie nach dem ersten Waschgang in der Autowaschanlage: Etwas vom Alltagsschmutz befreit, aber noch nass und schmierig.

Überzeugende Reden, erste manipulative Übergriffe der W.I.R.-Genossen und schließlich, wie könnte es anders sein, das Aufmucken im Untergrund: Aufruf zur Revolution von der anderen Seite, die sich unheimlich heimlich in die Veranstaltung geschlichen hat. »Bürévo« holt zum Gegenschlag aus, will Manipulation, Zensur und Diktatur den Kampf ansagen. »Was jetzt, wie jetzt?«, steht es den verwirrten und bald verirrten Teilnehmern (Publikum konnte man schon lange nicht mehr sagen) ins Gesicht geschrieben.

Verlegenes Kichern hilft erst einmal über den ersten Schreck hinweg. Doch schon geht es weiter, die Gruppen werden, nach angeblichem Systemabsturz, »willkürlich« in eigentlich nicht gewählte Vorträge geschickt. In der Stadtbücherei wandern Grüppchen, die »Führer« mit Knopf im Ohr scheinen untereinander vernetzt zu sein. Die Verwirrung wird in den leidenschaftlichen Expertenvorträgen, die, so stellt sich heraus, alle in ein »Verkaufsgespräch mit Vertragsabschluss« münden, nicht weniger.

Im Angebot ist unter anderem: Superfood (aus einer Kreuzung aus Bücherwurm und Mehlwurm), die Implantierung eines »Sprachchips« (sofortiges Erlernen aller Sprachen und Dialekte) zur sprachbarrierefreien Kommunikation und andere vertrackte »Überwachungsversuche«. Zwischen den Vorträgen laufen »dramatische« Szenen ab, bei denen »Buchlinge«, die sich fortwährend unters Volk mischen, von der Security festgenommen und abgeführt werden. Lachen oder weinen? Zudem scheinen diese harmlosen Wesen in Kostüm und Maske immer mehr zu werden und »nachzuwachsen«.

Die Putzfrau bietet den Teilnehmern den Gang zum WC an, schiebt im nächsten Moment einen Kinderwagen vor sich her und die Sicherheitskräfte picken sich »Verdächtige« aus den Gruppen heraus, die abgeführt und einzeln verhört werden. Und wer das hinter sich hat, bekommt bei der Rückführung zur Gruppe von anderen heimlich »Post« zugesteckt: »Bürévo« stiftet zum Bücherschmuggel an, damit im Fall der Fälle nicht das gesamte »Buchgut« der Vernichtung zum Opfer fällt. Top sekret. Jeder gegen jeden – Verwirrung komplett.

Immer wieder wird man zu Entscheidungen gedrängt, zur Verschwiegenheit verpflichtet, manipulativ unter Druck gesetzt und schon im Voraus für die Folge von etwaigem Fehlverhalten verantwortlich gemacht. Stasi? Rechtsextrem oder linksextrem? Versteckte Kamera? Wo ist eigentlich die Mitte, wo der Ausgang oder der »Game-Over-Button« und wer um alles in der Welt denkt sich sowas aus? Wenn man bedenkt, dass die Schreiberin ja nur einen Bruchteil der »unglaublichen Geschichte« (sie wurde abgeführt und hatte mit »Beklemmungen« zu kämpfen) erleben konnte – es gab ja keine Bühne, auf der man den Überblick hätte behalten können, dann steigt der Respekt vor diesem ausgeklügelten Theatererlebnis ins Unermessliche. Haarklein ins Detail ausgeheckt, gekonnt in die Irre geführt, an sensible Grenzen des erträglichen herangeführt und genau dort abgeholt, wo gutes Theater entsteht, wächst und gedeiht: Im Leben.

Riesenapplaus für die gesamte Mannschaft, insbesondere für die erschreckend überzeugenden Schauspieler der Bürgerbühne. Ein Theatererlebnis der anderen Art mit einem Ausgang, der nicht verraten werden soll. Nähere Infos zur Expertentagung mit elf spannenden Expertenvorträgen (und mehr!) und der Teilnahmemöglichkeit gibt’s unter www.salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam