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Gattin, Türke, Intrige!

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Mit Slapstick und vielen Pointen wird nicht gegeizt in der Salzburger Aufführung von Rossinis Oper »Il Turco in Italia«. Regisseur Marco Dott hat die Handlung auf ein Kreuzfahrtschiff verlegt. Unser Bild zeigt eine Szene beim Frutti-di-Mare-Ball. (Foto: Landestheater/Anna-Maria Löffelberger)

»Wir sind überall zu Hause und leben im Überfluss« singt der Chor zu Beginn: Da ist ein Kreuzfahrtschiff nicht der schlechteste Ort, um diese Spaßgesellschaft gediegen zu verorten. Der von Fiorilla gehörnte Ehemann Don Geronio ist Kapitän des Schiffes, der Liebhaber seiner Frau ist der Erste Offizier.


Bei dieser Konstellation bleibt es aber nicht in Rossinis früher Oper »Il Turco in Italia«, die Regisseur Marco Dott im Salzburger Landestheater also auf einem Schiff der Marke Costa spielen lässt. Es kommt ja noch der Türke Selim ins (Liebes-)Spiel. Für ihn lässt die aufgeweckte Fiorilla, kein Kind der Traurigkeit, gleich beide, Mann und »Gspusi«, sitzen. Der Dichter Prosdocimo, der an Bord ist, um Stoff für eine Komödie zu sammeln, ist in diesem Garten der Lüste bestens aufgehoben. Seine ironischen Kommentare machen den Witz der (landläufig unterschätzten) Opera buffa aus dem Jahr 1814 aus (Rossini war gerade 22 Jahre alt). Sie ist eine Aufführung wohl wert, auch wenn man gerade keine Callas bei der Hand hat...

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Adrian Kelly waltet am Pult des Mozarteumorchesters. Er lässt der Musik viel Zeit, überhudelt nichts, wodurch so manches instrumentale Solo – ganz wunderbar das Horn in der Ouvertüre, öfters mal auch die Trompete und die Klarinette – mit allen Facetten feiner Verzierung heraussticht. Diese besonnenen Tempi sind auch eine Basis, das weniger brillante als grundsolide Sängergrüppchen zu einem in Summe tollen Rossini-Ensemble einzuschwören: Wirklich ohne Makel sind in dieser Gruppe nämlich nur zwei: Erstens, die ihre Koloraturen so umwerfend charmant wie virtuos und viel-färbig servierende, Hannah Bradbury (Fiorilla). Neben ihr Rowan Hellier, die als Gegenspielerin Zaida (des Sultans frühere Gespielin hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben) lyrische, samtene Farben einbringt, im Zickenkrieg aber auch nicht wenig Attacke bereit hält.

Alle anderen in der Runde werden kapellmeisterlich wohl umsorgt und so getragen, dass das herausfordernde Dauer-Parlando wirklich präzis und meist auch klanglich tragfähig kommt in den Ensembles. Pietro di Bianco (Selim) ist dafür das beste Beispiel: Eine eigentlich sonderbar unausgeglichene Stimme (Alleinstellungsmerkmal ist das elastisch geführte »schwarze« Register), die aber quasi modellierend auf optimale Weise eingesetzt wird. Das hat gestalterische Tiefenschärfe. Mit lyrischem Bariton besticht Sergio Foresti als aufrichtig leidender Don Geronio. Am Liebeserfolg gemessen ist alles tenorale Schmachten, wie es Carlos Cardoso als Narcisio auf der Kommandobrücke hören lässt, vergeblich. Franz Supper ist als Albazar ein lässiger Stichwortbringer.

Und der Spielemacher? Simon Schnorr als »Poeta« Prosdocimo ist mit seinen bissigen Kommentaren stets pünktlich und prägnant, mit gehörigem Nachdruck, zur Stelle. Eine Traumrolle für einen Spiel-Bariton.

Marco Dott weiß aus langer Schauspielerfahrung, wie Humor auf der Bühne funktioniert. Vielleicht hört er als Schauspiel-Mensch auch doppelt aufmerksam auf die Musik. An diesem Abend wird mit Slapstick nicht gegeizt, aber jede Pointe ist so genau der Rossinis Noten abgehört, dass der innige Kontakt zwischen Orchestergraben und Bühnengeschehen sich scheinbar inszenierungsbedingt fügt: turbulent, ja überdreht, aber nie gegen die Musik. Der Chor (Einstudierung: Stefan Müller) wird als Statisterie exzessiv eingesetzt. Karl-Heinz Sterk (Bühne, Kostüme) nutzt die Drehbühne, um uns rasch herum zu führen auf dem Kreuzfahrtschiff. Wenn drei Männer beim Frutti-di-Mare-Ball als verkleidete Neptuns um zwei Damen rittern, hat das immens viel Witz. Selten gelingt eine so einprägsame Verzahnung von Musik und Regie wie in dieser Produktion.

Muss man sich Sorgen machen, wenn der Erste Offizier aus Liebeskummer im Affekt das Steuerrad abreißt? Die Salzburger Schwarzstraße ist ein gutes Stück von der Insel Giglio entfernt. Aber so viel sei verraten: Fürs »lieto fine«, das glückliche Ende der Oper (entschieden eine Schwachstelle im Libretto) hat Marco Dott sich noch eine überraschende Brechung ausgedacht. Aufführungen finden bis 2. Juni statt. Reinhard Kriechbaum

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