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Gänsehaut-Feeling vor heimischer Kulisse

Berchtesgaden – »An den Olympischen Spielen 2022 in München führt kein Weg vorbei«, sagt Thomas Schwab, Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD). »München ist einfach zu stark.« Die beste Bewerbung, außerdem sei Deutschland Weltmeister im Ausrichten von Großveranstaltungen – und überhaupt sei doch der emotionale Faktor, den eine Großveranstaltung wie die Olympischen Spiele mit sich bringt, nicht zu vernachlässigen. Schwab muss es wissen: Seit 1984 war er bei allen Spielen mit dabei. Als Athlet, Betreuer, Cheftrainer und Sportdirektor.

Thomas Schwab, Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland, erwartet sich eine stimmungsgewaltige Veranstaltung, sollte München die Spiele 2022 ausrichten dürfen. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

»Deutschland ist die größte Wintersportnation der Welt.« Daran hat Thomas Schwab keine Zweifel. Und München hat sich bereits mehrfach beworben. Jede Bewerbung war maßgeschneidert, die für 2022 sei nicht zu übertreffen. Kaum Flächenverbrauch, keine Zerstörung von Naturräumen.

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Ein Wintermärchen

»Olympia ist nicht aufzuhalten«, sagt er. Und verweist darauf, dass Deutschland schon immer eine Topnation war, wenn es um die Ausrichtung von Großveranstaltungen geht. Da war etwa die Ski-Weltmeisterschaft in Garmisch-Partenkirchen, die Biathlon-WM im heimischen Ruhpolding, die Nordische Skiweltmeisterschaft 2005 in Oberstdorf – und natürlich das, von dem man noch lange sprechen wird: die Fußball-WM 2006, das Sommermärchen. Genau mit diesem vergleicht Thomas Schwab auch die Winterspiele 2022 – wenn sie denn in Deutschland durchgeführt werden. »Ich bin mir sicher, dass die Stimmung ähnlich gut sein wird«, sagt der Generalsekretär. Ein Wintermärchen? Schwab ist von der Machbarkeit überzeugt. Allein das Gänsehaut-Feeling, das bei der Medaillenvergabe aufkommt, sei sensationell. Medaillen, um die etwa bei den Bewerben am Königssee gekämpft wird, würden in Bad Reichenhall vor der Alten Saline verliehen werden. 15 000 Menschen erwartet Schwab. »Die Medal Plazas waren bei allen Olympischen Spielen ein lebendiger Ort.«

Bryan Adams spielte 1988 in Calgary auf der Medal Plaza, 60 000 Zuschauer, eine »unglaubliche Stimmung.« Und auch der gesamte Talkessel würde von der Begeisterung mitgerissen. Jeden Tag Rahmenprogramm in Berchtesgaden, regelmäßige Veranstaltungen, unzählige Besucher. Schwab ist sich sicher, dass eine deutsche Ausrichtung nur Vorteile mit sich brächte.

2018: keine Chancen für München

Dass München 2018 keine Chancen hatte, die Ausrichtung zugesprochen zu bekommen, war Schwab von Anfang an klar. Die Olympischen Spiele für 2018 gingen schließlich an das asiatische Pyeongchang. Ein drittes Mal Asien ablehnen? »Das ist dem IOC einfach nicht möglich gewesen«, sagt Schwab. Immerhin müsse jeder das Recht haben, die Spiele auszutragen. Dass München also erneut scheitert? »Unmöglich.« Es wäre die erste Stadt, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele hätte – in einem Abstand von 50 Jahren. Und dass die Auswirkungen auf die Region, auf das Berchtesgadener Land, enorm wären, daran hat der Generalsekretär keinerlei Zweifel. »Olympische Spiele sind ein Motor.« Maßnahmen, die bislang mit steter Regelmäßigkeit nach hinten verschoben worden waren, werden voraussichtlich umgesetzt, infrastrukturelle Aspekte, Modernisierungen – die Gefahr der Kostenexplosion so wie in Sotschi sieht Schwab nicht.

Kunsteisbahn als Konjunkturmotor

Im Übrigen: Man müsse auch an die Region denken. Die Kunsteisbahn am Königssee sei in den letzten Jahren für 30 Millionen Euro modernisiert worden – dank des Konjunkturpakets II. Die Wirtschaft wurde dadurch angekurbelt, die Bahn sei jetzt olympiatauglich, aber natürlich müssten bis 2022 noch einige Dinge modernisiert werden, etwa die Videoanlage. 17 Kunsteisbahnen gibt es weltweit, vier davon in Deutschland, die am Königssee sei die modernste und darüber hinaus sparsamste. 1 Million Kilowattstunden Strom braucht die Bahn pro Jahr. Das ist viel, andere Bahnen brauchen aber deutlich mehr. »Die Russen, die bereits zwei Kunsteisbahnen haben, wollen drei weitere«, weiß Schwab – um Deutschland im Kufensport Konkurrenz zu machen. Die Kunsteisbahn am Königssee erhält pro Jahr 490 000 Euro an Fördermitteln, 600 000 Euro erwirtschaftet sie selbst – durch Bahnvermietungen, etwa bei der Wok-WM, oder durch das Rennbob-Taxi, das gute Erträge abwerfe.

Bei allen Spielen mit dabei

Thomas Schwab ist seit 1984, als die Winterolympiade in Sarajevo stattfand, immer dabei gewesen. Als Athlet, als Betreuer und auch in verantwortlicher Position. Immer waren die Olympischen Spiele ein besonderes Erlebnis, vor allem an die Austragungsorte in Nordamerika erinnert er sich gern. »Lillehammer war auch gigantisch.« Naja, teuer aber auch. Zumindest während der Spiele. »Einmal habe ich zehn Pizzen gekauft und umgerechnet 500 Mark gezahlt«, meint Schwab. Lillehammer blieb ein Ausreißer nach oben. In der Zeit nach den Spielen seien die Preise in keinem der Ausrichterorte gestiegen. »Das wissen wir, weil wir auch heute noch auf den Olympiabahnen fahren.« Dass ähnliche Preissteigerungen auch im Berchtesgadener Land passieren werden, damit sei nicht zu rechnen.

Der Tourismus würde profitieren, in Turin seien die Besucher- und Übernachtungszahlen hochgeschnellt, »um rund 20 Prozent«, sagt er, auch in Whistler, einem Austragungsort der Winterspiele in Vancouver 2010, seien die Besucherzahlen gestiegen – obwohl diese davor schon auf einem hohen Niveau lagen. Für Thomas Schwab geht es schon bald zu den nächsten Spielen nach Sotschi. Die wohl teuersten Spiele aller Zeiten, heißt es. Von 37 Milliarden Euro Investitionskosten ist die Rede, von Dutzenden neuen Hotels, abgeholzten Naturschutzgebieten. »Die Eingriffe dort sind wirklich der Wahnsinn«, meint Schwab. München sei genau das Gegenteil. Auch darauf würde die Welt blicken. Vielleicht mit Respekt. Kilian Pfeiffer