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Furiose Exzentriker, verpasste Chancen

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Wenn die Kunst die große Zentrifuge der Geschichte ist, dann ist die Kunstform Musik – als einzige Echtzeitkunst – die unmittelbarste künstlerische Ausdrucksform wacher Zeitgenossen, um den Gang der Dinge – auch für die Nachgeborenen – zu kommentieren, zu überzeichnen, Stellung zu beziehen, anzuklagen. Man mag zu der politisch motivierten Kunstaktion der Frauenband Pussy Riot in der Moskauer Kathedrale stehen, wie man will: Ihre gesellschaftlich relevante Durchschlagskraft war enorm; die eisige Machtzentrale um Putin fürchtet sich vor ein paar unangepassten, bunten Frauen.


Ketzerische Frage: Kann ein sich dem freien Geist der Improvisation verpflichtendes, etabliertes Jazzfestival Plattform für ähnlich subversive Statements sein? Antwort: Nein – denn das will es auch gar nicht. Der etablierte Rahmen einer derartigen Veranstaltung taugt nicht für einen Bildersturm. Vielmehr dominiert hier allzu oft der exzentrische Gestus hochentwickelter Individualisten, gleich einer Olympiade, einem Kräftevergleich der Besten an ihrem Instrument, wer denn nun das spektakulärste Solo abliefert.

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Längst hat der experimentelle Geist des Free Jazz der 60er seine einst politisch und gesellschaftlich radikale Haltung den Egoismen vieler seiner neueren Vertreter geopfert und produziert gleichwohl Voraussehbares. Ist der Free Jazz tot? Vielleicht ist er heute auch bloß nur ein Abbild allgemeiner Ratlosigkeit angesichts unseres Weges ins Ungewisse. Möglich auch, dass sich die experimentelle Tonkunst an einer Wegekreuzung befindet. Zumindest die Abbildung dieses möglichen Zustandes scheint der 33. Ausgabe des Internationalen Jazzfestivals Saalfelden gelungen, wenn auch keine der genannten relevanten Fragen beantwortet wurde.

Fragen nach der eigenen Identität und zur hochaktuellen Begrifflichkeit »Heimat« ist der dänische Gitarrist Hasse Poulsen mit seinem Quintett Progressive Patriots nachgegangen. Schon letztes Jahr hatte der charmante Däne, Sohn einer Engländerin und aktuell in Paris lebend, in Saalfelden mit seiner Neuinterpretation des Werkes von Hanns Eisler Begeisterungsstürme entfacht. »Es gibt viele parallele Identitäten und die nationale ist bei weitem nicht die wichtigste«, ist Hasse Poulsen überzeugt. In Fragmenten und mit Titeln wie »Born under two flags« oder »Children of migrants« zitiert Poulsen nordische Volkslieder, um sie im nächsten Moment über Kaskaden von Soundattacken ins Bodenlose stürzen zu lassen. Sicheres Terrain scheint wohl nirgendwo auf diesem Planeten ausfindig zu machen zu sein. Dieser ästhetische Ansatz ist zwar nicht neu, führt aber bei Poulsen nicht zwangsläufig in die Depression. Übrigens: In diesen Tagen wagt sich der quirlige Gitarrist an ein eigenes Weihnachtsalbum – mal sehen, ob er darin den Christbaum gleich abfackelt oder die bürgerliche Idylle anderweitig liebevoll-kreativ enttarnt.

Mit besonderer Spannung erwartete Saalfelden die Performance der neunköpfigen Experimental Band um den 81-jährigen Pianisten Muhal Richard Abrams. Das mit Legenden der Musiker-Kooperative AACM bestückte Ensemble spaltete jedoch die Zuhörerschaft zutiefst. Nur wenige kompositorische Strukturen waren vorgegeben, ansonsten reihten sich höchst unterschiedlich geartete Soli verdienter Veteranen wie Roscoe Mitchell, Henry Threadgill oder Wadada Leo Smith eher unvermittelt und scheinbar planlos aneinander; ein Spannungsbogen über die gesamte »Suite« war nicht erkennbar.

Eigentlich sträflich, den potenziellen Klangkörper einer dermaßen geschichtsträchtigen Formation nicht für kollektive Herausforderungen zu nutzen – Chance vertan. Auch die – voraussehbare – fulminante Kakofonie am Ende der gut einstündigen Darbietung konnte den Gesamteindruck nicht retten. Sei dahingestellt, ob ein ordentlicher Kompositionsauftrag dem Unternehmen wohl Flügel verliehen hätte.

Für Höhenflüge der besonders liebenswürdigen Art sorgte die vor Spielwitz nur so sprühende Combo rund um die japanische Pianistin und Wahl-Berlinerin Aki Takase: Ihr New Blues-Projekt führt nahtlos deren Fats Waller-Projekt weiter und knöpft sich frech, doch respektvoll, swingende Klassiker wie »Jitterburg Waltz« oder »The Joint is jumping« vor, um sie, mit ein paar prallen Ampullen freejazziger Gemeinheiten gedopt, fröhliche Urständ' feiern zu lassen. Unwiderstehlich auch die charmant-vertrackten Gesangsattacken des autodidaktischen Anarcho-Gitarreros Eugene Chadbourne, der tierisch swingende Drummer Paul Lovens sowie der stilsichere Bassklarinettist Rudi Mahal. Klarer Fall: Der Extra-Smiley des Festivals geht an Aki und ihre wackeren Kampfgenossen!

Noch ein genialer Autodidakt gefällig? Der französische Kontrabassist und langjährige Saalfelden-Intimus Henri Texier war diesmal mit seinem aktuellen Quartett angereist. Mit doppelter Saxofonbesetzung, darunter auch Texier-Sohn Sébastien, entsponn das kammermusikalisch agierende Quartett organisch und mit tänzerischer Leichtigkeit eine Themenvielfalt, die ohne das übliche Bedienen von Ethno-Klischees auskam. Und mittendrin, gleichsam als tragende und erdende Säule, Texiers mal wuchtige, bisweilen fast zornige, dann wieder wehmütige Bassfiguren – als gelte es, den Gott der Endlichkeit noch einmal umzustimmen. Eine Saalfeldener Sternstunde.

Für bewährt innovative Anrührung unter stilistisch extremer gelagerten Vorzeichen sorgte in gleich drei Formationen Altsaxofonist Tim Berne; »Les Rhinocéros« changierten eher ratlos zwischen Klezmer-Weisen, Punkrock-Attacken und Jazzharmonien; die Gitarristin Mary Halvorson kam cooljazzig ohne Saitenschändung aus und Altmeister Pharoah Sanders produzierte streckenweise mehr hölzerne als groovende Längen. Fazit: Saalfelden 2012 war nicht der allerstärkste Jahrgang - die Zeit scheint reif für eine wieder überraschendere Vielfalt abseits der New Yorker Programm-Dominanz. Aber allein der multiethnische »Big Apple« böte eine Vielzahl an vielleicht spannenderen, bislang in Europa nie gehörten Kreativszenen, für deren Entdeckung Saalfelden eine Vorreiterrolle übernehmen könnte. Und eine Prise »Pussy Riot«-Energie könnte Saalfelden 2013 auch nicht schaden. (Text/Fotos: Norbert Klinge)

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